Zieh das nicht sofort an: Was deine neue Kleidung wirklich auf der Haut hinterlässt

Das neue T-Shirt liegt noch auf dem Tisch, Preisschild baumelt dran, der Duft von frischer Ware hängt im Raum. Genau in diesem Moment hält dich jemand auf. Die Nachbarin, mit dem Blick einer Frau, die schon alles gesehen hat, nimmt das Stück aus der Tüte und sagt: „Zieh das nicht sofort an.“ Ein Satz, der klingt wie übertriebene Vorsicht, aber alles andere als das ist.

Das Wichtigste

  • Über 7.000 Chemikalien können in der Textilproduktion zum Einsatz kommen – aber nicht alle sind auf den ersten Blick erkennbar
  • Formaldehyd, Phthalate und krebserregende Azofarbstoffe können auch in teurer Markenkleidung stecken
  • Eine einfache Lösung existiert: Zweimal waschen vor dem ersten Tragen löst die meisten Rückstände

Dieser typische „Neu-Kleidungs-Geruch“ ist kein gutes Zeichen

Kennst du diesen charakteristischen Geruch, wenn du ein neues Kleidungsstück aus der Verpackung ziehst? Frisch, ein bisschen chemisch, irgendwie fabrikneu. Dieser Geruch stammt von den Chemikalien, die während der Herstellung eingesetzt wurden. Kein Hauch von Luxus also, eher ein Signal. Ein chemischer Geruch bei neuer Kleidung lässt sich auf Reste verschiedener chemischer Mittel zurückführen. Doch die Nase als Prüforgan ist nur wenig zuverlässig: Wenn Kleidung riecht, heißt das nicht unbedingt, dass giftige Chemikalien eingesetzt wurden. Umgekehrt bedeutet kein Geruch leider auch keine Garantie für Unbedenklichkeit.

Mehr als 7.000 Chemikalien kommen in der Textilindustrie zum Einsatz. Siebentausend. Zum Vergleich: Die Zutatenliste eines durchschnittlichen Fertiggerichts fühlt sich daneben geradezu überschaubar an. Während der Produktion werden meist unterschiedliche chemische Inhaltsstoffe angewendet, die den Kleidungsstücken die gewünschte Farbe und eine bessere Struktur verleihen oder dafür sorgen, dass die Textilien länger gut aussehen. Klingt vernünftig, ist es auch, bis man bedenkt, was davon auf der Haut landet.

Was genau klebt da noch am Stoff?

Die Haut ist unser größtes Organ und sehr aufnahmefähig, ganz besonders wenn wir schwitzen. Sie ist in der Regel fast 24 Stunden mit Kleidung und Textilien aller Art in Kontakt. Körperwärme und Schweiß können dabei Zusätze und chemische Hilfsmittel aus Kleidungsstücken herauslösen. : Sobald du losläufst, heizt du quasi die Chemieküche an.

Zu den Stoffen, die Experten am meisten beschäftigen, gehört Formaldehyd. Kleidung wird beim Transport mit Formaldehyd-Harzen behandelt, um Schimmel und Schimmelbildung während des Versands zu verhindern, wenn Feuchtigkeit vorhanden ist. Besondere Vorsicht gilt bei Hinweisen wie „knitterarm“, „formbeständig“ und „bügelfrei“. Nur durch den Zusatz von dem als Gefahrengut und krebserregend eingestuftem Stoff Formaldehyd kann die Wäsche derart aufgerüstet werden.

Dann wären da noch die Azofarbstoffe. Grund zur Besorgnis geben einige Azofarbstoffe, die krebserregend sein können. Gemäß der Chemikalienverordnung REACH dürfen Produktionsunternehmen sie in der EU nicht mehr einsetzen, auch ein Import ist verboten. Was also bei europäisch produzierten Stücken reguliert ist, kann bei importierter Ware aus anderen Regionen anders aussehen. Und schätzungsweise 90 Prozent der in Deutschland verkauften Mode stammen aus dem Import, davon zum größten Teil aus China, der Türkei und Bangladesch.

Besonders brisant: Kleidung mit Aufdruck. Kleidungsstücke mit Motivdruck sind besonders schadstoffbelastet. Sie enthalten Phthalate, die als Weichmacher dienen. Phthalate wirken hormonell und stehen im Verdacht, unfruchtbar zu machen. In Motivdrucken können auch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten sein, die teilweise als krebserregend und fortpflanzungsgefährdend gelten. Das neue, knallbunte T-Shirt mit dem coolen Print? Gerade das.

Und die gute Nachricht?

Jetzt kommt der Punkt, an dem die meisten von uns aufatmen: Die meisten Kleidungsstücke, vor allem wenn sie waschbar sind, gelten heute als unbedenklich. Es geht also nicht darum, in Panik zu verfallen. Wer gesunde Haut hat und keine Vorerkrankungen, wird nicht sofort krank. Aber Vorsicht ist trotzdem angebracht, denn Menschen mit Hauterkrankungen oder kleine Kinder, deren Haut noch dünner ist als die von Erwachsenen, können empfindlich reagieren. Es seien vor allem Kontaktallergien, Hautveränderungen und Ekzeme möglich.

Und hier liegt die eigentliche Gegenthese zu der weit verbreiteten Annahme, ein teures Markenstück sei automatisch sicherer. Der Preis ist kein Indikator: Auch in teuren Markenklamotten können Schadstoffe stecken. Kein Logo schützt vor Chemikalien.

Auch Kleidung aus Naturfasern bedeutet nicht automatisch, dass keine Chemikalien bei der Herstellung verwendet wurden. Forscher in Spanien testeten Kleidung aus natürlichen und synthetischen Fasern auf Formaldehydgehalt. Die gefundenen Werte lagen zwar unterhalb der EU-Grenzwerte, aber in 5 von 12 Kategorien hatten Stücke aus Bio-Baumwolle sogar höhere Werte als herkömmliche Baumwolle. Die gute Nachricht: Nach dem Waschen war in keiner der Proben mehr Formaldehyd nachweisbar. Das Waschen hilft also tatsächlich.

Was du konkret tun solltest, bevor du das neue Stück anziehst

Wer sicher gehen will, sollte neue Kleidung vor dem ersten Tragen waschen, insbesondere T-Shirts, Unterwäsche und alles andere, was direkt auf der Haut getragen wird, und zwar am besten gleich zweimal. Klingt aufwendig, ist aber die einfachste Konsequenz aus allem, was wir wissen.

Achte auf Waschhinweise: Steht auf einem Waschhinweis die explizite Empfehlung, dass das Kleidungsstück vor Gebrauch oder separat gewaschen werden soll, enthält es vermutlich sehr viele Schadstoffe. Auch wenn auf dem Etikett steht, dass ein Kleidungsstück abfärben kann, solltest du es unbedingt waschen. Meiden solltest du Kleidung mit Hinweisen wie „antibakteriell“, „geruchsfrei“, „geruchsarm“ oder „knitterfrei“. Hinter jedem dieser Versprechen steckt ein chemisches Mittel.

Für Stücke, die sich nicht waschen lassen, zum Beispiel Mäntel oder strukturierte Jacken, gibt es eine pragmatische Alternative: Kleidungsstücke, die nicht direkt gewaschen werden sollten, können vor dem ersten Tragen an der frischen Luft ausgelüftet werden, am besten über Nacht.

Wer langfristig beruhigter einkaufen möchte, sollte auf Siegel achten. Zertifikate für möglichst schadstoffarm hergestellte Kleidung sind unter anderem die Siegel des IVN (Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft e.V.), des GOTS (Global Organic Textile Standard) und die Bluesign-Siegel. Second-Hand-Kleidung ist dabei aus Nachhaltigkeitsgründen. Außerdem aus Gesundheitsschutzperspektive oft besser als Neuware. Sie hat bereits mehrere Waschgänge hinter sich. Ausgelaugt im besten Sinne.

Die Nachbarin hatte also recht. Vielleicht wusste sie es nur aus Erfahrung, vielleicht aus Instinkt. Das Ergebnis ist dasselbe: Das T-Shirt wandert erst in die Waschmaschine. Und vielleicht stellt sich dabei die größere Frage, was wir eigentlich alles tragen, ohne je gefragt zu haben, was drin steckt.

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