Der Kuchen ist gerade angeschnitten, der Kaffee dampft, und da ist sie: eine Wespe, die im Anflug über die Sahnehaube kreist. Der Reflex ist blitzschnell, jeder kennt ihn. Man holt Luft, pustet kräftig – und genau in diesem Moment passiert das, was am ganzen Tisch niemand ahnt: Die Wespe wird nicht vertrieben, sie wird alarmiert.
Was wie eine harmlose Geste der Verteidigung wirkt, ist aus Sicht des Insekts ein Notruf. Das Kohlenstoffdioxid in unserem Atem ist für Wespen ein Warnsignal, auf das sie aggressiv reagieren. Klingt absurd? Ist aber biologisch ziemlich schlüssig, wenn man weiß, wie Wespen untereinander kommunizieren.
Das Wichtigste
- Unser Atem enthält genau die Komponenten, die Wespen als Gefahrensignal interpretieren
- Eine Wespe im Angriffsmodus lockt durch Alarmpheromone dutzende weitere Artgenossen an
- Es gibt eine Methode, die überraschend zuverlässig funktioniert – und nichts mit Pusten zu tun hat
Warum der Atemzug zum Alarmsignal wird
NABU-Expertin Dr. Melanie von Orlow erklärt es so: wenn wir heftiger ausatmen, erhöht sich auch Wärme, Feuchtigkeit und Kohlendioxid in der Luft. Und genau mit den drei Komponenten warnen Wespen ihre Artgenossen bei Gefahr. Klar, dass sie sich dann in Alarmbereitschaft versetzen. Man pustet also nicht einfach Luft, man sendet – unabsichtlich – exakt das Signal, das im Wespenstaat „Achtung, Feind“ bedeutet.
Und hier wird es interessant für den ganzen Tisch, nicht nur für den Teller mit dem Kuchen. Eine Wespe, die sich bedroht fühlt, reagiert nicht diskret. Ein Wespenstich setzt Alarmpheromone frei, die weitere Tiere anlocken und zum Stich animieren. Wer also pustet, riskiert nicht nur den eigenen Stich, sondern eine Kettenreaktion, die im schlimmsten Fall die ganze Kaffeetafel in Aufruhr versetzt. Kontraproduktiv im doppelten Sinne – man wollte Ruhe, man bekommt Alarm.
Auch das wilde Herumschlagen gehört in diese Kategorie der guten Absichten mit schlechtem Ausgang. Wer Wespen vertreiben möchte, sollte erstmal Ruhe bewahren, nicht um sich schlagen und die Wespen auf keinen Fall anpusten. Franchement, das klingt nach einer Geduldsübung, die dem hektischen Sommergast am Tisch schwerfällt. Aber genau diese Gelassenheit ist der Unterschied zwischen einer Wespe, die kurz vorbeischaut, und einem ganzen Nachmittag im Verteidigungsmodus.
Was Wespen tatsächlich an den Tisch lockt
Bevor man sich zu sehr auf den Atem konzentriert, lohnt ein Blick auf die anderen Signale, die man unbewusst aussendet. Farben zum Beispiel. Wählen Sie Kleidung und Tischdeko in dezenten Farben. Wespen werden von bunten Farben angezogen. Ersetzen Sie bunte Kleidung und Tischdekoration deshalb in der Wespensaison durch dezente Weiß- oder Grautöne. Ein weißes Tischtuch statt der geblümten Sommerdecke, das grelle Rot am Handgelenk gegen dezentes Silber getauscht – kleine Anpassungen, große Wirkung.
Auch der eigene Duft spielt eine Rolle, die viele unterschätzen. Intensive Parfüms oder blumige Duftstoffe können Wespen anlocken, da sie diese mit Blütennektar verwechseln können. Verzichten Sie im Freien auf starkes Parfüm. Das süße Sommerparfüm, das man extra für den Nachmittag auf der Terrasse aufgetragen hat, wirkt auf eine hungrige Wespe wie eine Einladung. Kontraintuitiv, aber genau deshalb erwähnenswert.
Und dann gibt es die Saison-Logik, die vielen entgeht. Bis in den Hochsommer sind Wespen vor allem auf Eiweiß fixiert, weil die Larven im Nest gefüttert werden müssen. Bis Juli sind Wespen vor allem an Eiweiß interessiert, um ihre Larven zu füttern. Ab August, wenn die Larvenaufzucht abgeschlossen ist, benötigen die Arbeiterinnen extrem viel Energie für sich selbst und fliegen deshalb massiv auf Süßes wie Kuchen, Eis und Limonade. Genau deshalb wird der Kuchenteller im Spätsommer zum Wespenmagneten, während im Frühsommer eher die Wurst auf dem Grillteller im Fokus steht.
Mythen, die sich hartnäckig halten
Kaffeepulver anzünden, eine zerknüllte Papiertüte als vermeintliches Fremdnest aufhängen, Kupfermünzen zwischen den Fingern reiben – das Repertoire an Hausmitteln ist riesig, die wissenschaftliche Bestätigung dafür meist dünn. Zu den Papiertüten sagt eine Wespenexpertin klar: Eine Wespennest-Attrappe oder zusammengeknüllte braune Papiertüten sollen vorgaukeln, dass sich am Tisch ein Wespennest befindet. Fremde Wespen könnten dann Abstand nehmen – doch für eine verlässliche abschreckende Wirkung gibt es keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege. Als zuverlässige Maßnahme zur Wespenabwehr sind diese Attrappen ungeeignet.
Beim glimmenden Kaffeepulver sieht es ähnlich aus. Die Wirkung ist nicht zuverlässig belegt, der Rauch kann Menschen reizen und es besteht Brandgefahr. Das vertreibt eher die Gäste, als die Wespe. Ein Satz, der so schön trocken ist, dass er fast als Warnhinweis auf jede Kaffeedose gehört.
Was am Ende wirklich hilft
Statt Atem, Handschlag oder brennendem Kaffeepulver setzen Fachleute auf Methoden, die die Wespe schlicht nicht als Bedrohung interpretiert. Eine Sprühflasche mit Wasser zum Beispiel funktioniert erstaunlich zuverlässig, weil das Tier ein völlig anderes Naturprogramm abruft. Die einfachste und tierfreundlichste Methode, eine hartnäckige Wespe vom Tisch zu vertreiben, ist eine Sprühflasche mit klarem Wasser. Besprühe die Wespe aus einiger Entfernung mit einem feinen Nebel. Sie interpretiert das als einsetzenden Regen und zieht sich instinktiv ins Nest zurück. Kein Alarmsignal, kein Angriffsmodus – nur ein Tier, das denkt, es müsse sich vor dem Wetter schützen.
Wer es lieber kulinarisch löst, kann die Wespe ganz einfach umleiten. Locken Sie die Wespen in eine andere Ecke des Gartens oder Balkons. Ein Stück überreifes, angeschnittenes Obst auf einem kleinen Teller lockt die Wespen weg von Ihrem Tisch. Ein kleiner Opferteller am Rand der Terrasse, ein paar Meter vom eigentlichen Kaffeetisch entfernt – die Wespe bedient sich dort, ohne jemals in die Nähe der eigenen Tasse zu geraten.
Wichtig bleibt vor allem die innere Haltung, so banal das klingt. „Nicht anpusten oder heftig wegschubsen!“, fasst ein Wespenexperte die wichtigste Verhaltensregel zusammen. Kommen einem die gelb-schwarz-gestreiften Tiefflieger zu nahe, gilt es am besten die Ruhe zu bewahren, nicht um sich zu schlagen und auf keinen Fall die Wespen anzupusten. Das Kohlendioxid in der Atemluft ist ein Alarmsignal für die Tiere und versetzt sie in Angriffshaltung.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Sommerphänomens: Der Mensch reagiert instinktiv mit genau der Geste, die das Insekt am meisten fürchtet und deshalb am aggressivsten beantwortet. Die nächste Wespe, die um den Kuchenteller kreist, wird also weiterhin kommen. Die Frage ist nur, ob wir dieses Mal die Luft anhalten, statt zu pusten.
Sources : oekotest.de | nw.de