Ich habe das neue Schulpolo meines Sohnes direkt aus der Verpackung angezogen, nur weil der erste Schultag war: am Abend habe ich verstanden, woher der rote Ring am Nacken kam

Der Rucksack war gepackt, die Brotdose bereit, das Polo noch mit Kniff aus der Plastikverpackung: mein Sohn wollte am ersten Schultag unbedingt das neue, makellos weiße Hemd tragen. Kein Vorwaschen, kein Ausschütteln, einfach anziehen und losstürmen. Abends dann der Schreck beim Baden: ein feiner, geröteter Ring genau dort, wo der Kragen den Nacken berührt hatte. Kein Insektenstich, keine Verletzung, nur eine schmale, brennend aussehende Linie, die sich exakt entlang der Nahtkante zog.

Was war passiert? Die Antwort liegt nicht im Stoff selbst, sondern in dem, was während der Produktion hineingelangt und beim Kauf noch nicht wieder herausgewaschen wurde.

Das Wichtigste

  • Warum ein unscheinbarer roter Ring am Nacken eines Kindes eine versteckte Warnung war
  • Welche Chemikalien sich in neuem Schulpolo verbergen und warum Kinderhaut anders reagiert
  • Die eine Gewohnheit, die Eltern niemals wieder überspringen sollten

Was steckt wirklich in einem nagelneuen Kleidungsstück

Neue Textilien riechen oft charakteristisch chemisch, das ist kein Zufall. Bei der Herstellung von Bekleidungstextilien in der heute gewohnten Qualität und Funktionalität werden Chemikalien benötigt, von denen viele anschließend wieder ausgewaschen werden. Genau dieser letzte Waschgang fehlt aber, wenn ein Kind sein Polo direkt aus der Folie zieht.

Besonders relevant für Schulkleidung, die pflegeleicht und knitterarm sein soll: damit die Kleidung beim Waschen nicht schrumpft und pflegeleicht ist, kommen formaldehydhaltige Kunstharze zum Einsatz, die die Fasern widerstandsfähiger machen. Genau solche Hinweise auf dem Etikett lohnen einen zweiten Blick, denn als „bügelfrei“, „knitterarm“ oder „pflegeleicht“ beworbene Kleidungsstücke können manchmal Formaldehyd abgeben, das im Verdacht steht, bei chronischer Belastung in hohen Dosen krebserregend zu wirken und Allergien auslösen kann. Ein Schulpolo, das den ganzen Vormittag am Nacken reibt, schwitzt, sich erwärmt, ist genau das Szenario, in dem solche Rückstände am ehesten in Kontakt mit der Haut kommen.

Dazu kommen Farbstoffe. Damit Kleidungsstücke die gewünschte Farbe erhalten, setzen Hersteller insbesondere auf Azofarbstoffe, die in der Kleidungsindustrie etwa zwei Drittel der Textilfarbstoffe ausmachen. Die meisten davon sind in der EU streng reguliert, aber nicht jedes importierte Kleidungsstück hält sich zuverlässig daran. Ein Hautarzt aus Bonn bringt es so auf den Punkt: Formaldehyd wird häufig eingesetzt, weil die Kleidung dadurch länger knitterfrei bleibt, und durch Körperwärme und Schweiß werden dann Schadstoffe freigesetzt. Genau das, Wärme und Reibung am Nacken über Stunden, war bei uns wohl der Auslöser.

Warum Kinderhaut so viel empfindlicher reagiert

Was bei mir vermutlich unbemerkt geblieben wäre, zeigte sich bei meinem Sohn sofort. Kein Zufall: Menschen mit Hauterkrankungen oder kleine Kinder, deren Haut noch dünner ist als die von Erwachsenen, können empfindlich reagieren, vor allem in Form von Kontaktallergien, Hautveränderungen und Ekzemen. Eine Kinderhaut ist eben kein kleines Erwachsenenmodell, sondern eine eigene, dünnere Barriere, durch die Substanzen leichter eindringen.

Auch Metallteile spielen eine Rolle, gerade bei Polos mit Knopfleiste am Kragen. Verschlüsse oder Knöpfe, zum Beispiel aus Nickel, können allergische Reaktionen hervorrufen. Und Nickel ist keine Randerscheinung: Nickel ist der häufigste Auslöser einer Kontaktallergie, etwa zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Bei einem Polohemd mit Metallknöpfen direkt am Nacken ergibt sich damit fast eine doppelte Reizquelle: Chemikalien aus der Ausrüstung und Metall aus dem Verschluss, beide an derselben Stelle konzentriert.

Interessant, und ein wenig ernüchternd, ist der Fakt, dass es kaum Transparenz gibt. Mögliche Allergieauslöser in Textilien zu identifizieren ist nicht einfach, da eine Deklaration der textilen Inhaltsstoffe nur die Art der Fasern betrifft, während Informationen zu Farbmitteln oder Ausrüstungschemikalien, die bis zu 20 Prozent des Textilgewichts ausmachen können, nicht vorgesehen sind. Man kauft also, ohne wirklich zu wissen, was am Stoff haftet.

Die einfache Gewohnheit, die ich künftig nicht mehr überspringe

Die gute Nachricht zuerst: Panik ist fehl am Platz. Panik sei heute nicht angebracht, so das Bundesinstitut für Risikobewertung, das schreibt, viele Problemstoffe seien reguliert, also verboten beziehungsweise mit Grenzwerten belegt. Trotzdem bleibt ein Restrisiko, gerade bei Massenware aus Fernost, wo Kontrollen lückenhafter greifen. Die einfachste Gegenmaßnahme kostet nichts außer ein bisschen Geduld: einmal waschen, bevor das Kind hineinschlüpft.

Ein Versicherungsexperte formuliert es unmissverständlich: Verbraucher sollten alle neuen Kleidungsstücke zuerst waschen, dabei eine möglichst hohe Gradzahl einstellen und einen zusätzlichen Spülgang wählen, um Waschmittelreste vollständig zu entfernen, besonders sorgfältig bei Kinderkleidung, denn die Kleinen sind deutlich empfindlicher als Erwachsene. Wer beim Kauf zusätzlich Wert auf ein anerkanntes Prüfsiegel legt, reduziert das Risiko weiter, ohne dabei paranoid werden zu müssen. Eine Textilexpertin bringt eine beruhigende Faustregel: wenn das Textil vernünftig hergestellt wurde, ist es unbedenklich, und sie rät, auf das Oeko-Tex-Siegel zu achten.

Bei uns landet das zweite Schulpolo jedenfalls erst in der Waschmaschine, dann im Schrank. Zehn Minuten Zeitverlust, ein Spülgang extra, dafür keine roten Ringe am Nacken. Klingt nach einer kleinen Sache. Ist es aber nicht, wenn man bedenkt, wie viele Stunden Kinderhaut täglich in genau diesem Kontakt verbringt, unbemerkt, ungefragt, direkt an der empfindlichsten Stelle.

Bleibt die Frage, die mich seither begleitet: Wie viele andere neue Kleidungsstücke ziehen wir eigentlich ungewaschen an, einfach weil der Anlass zu schön, zu dringend, zu dringlich erschien, um erst noch zu warten?

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