Der Müllbeutel ist zugeknotet, das schlechte Gewissen beruhigt, die Hand öffnet sich über der Einwurfsöffnung, und irgendwo in uns entsteht dieses wohlige Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Der alte Pullover aus dem letzten Winter, die Jeans, die nie wirklich gepasst hat, das Kleid vom Festessen vor drei Jahren: Alle landen sie im Altkleider-Container, und wir gehen nach Hause in dem Glauben, dass sie jetzt jemanden glücklich machen. Frankreich trifft Tansania über Karatschi. Nur leider ist das meistens nicht, was wirklich passiert.
Das Wichtigste
- 20 Kleidungsstücke legten fast 81.000 Kilometer zurück — zwei Erdumrundungen
- Alte Jeans und schwarze Jacken werden in pakistanischen Stahlwerken verbrannt statt recycelt
- Der Marktpreis für Altkleider ist um 95% gefallen: Das System steht vor dem Kollaps
Die Reise, die niemand zeigt
Im Sommer 2024 verfolgte Greenpeace 20 gespendete Kleidungsstücke mit GPS-Trackern : Kleidung, die zuvor bei Modeketten wie H&M und Mango abgegeben oder in Straßencontainer geworfen worden war. Das Ergebnis? Erschütternd nüchtern. Die Teile legten zusammen fast 81.000 Kilometer zurück — zwei Erdumrundungen. Drei Kleidungsstücke reisten nach Asien, darunter ein Paar Stiefel über 11.300 Kilometer bis nach Pakistan. Sieben Kleidungsstücke landeten in Afrika, etwa in Tunesien, der Elfenbeinküste und Kamerun.
Eine alte Jeans, die Greenpeace in einer H&M-Filiale abgegeben hatte, reiste Tausende Kilometer bis nach Karatschi, Pakistan, und wurde dort vernichtet. Auch eine gespendete schwarze Jacke landete in Karatschi, sehr wahrscheinlich wurde sie in einem Stahlwerk verbrannt. Die grünen Recycling-Boxen vor Ort? Modeketten wie H&M und Mango geben vor, abgegebener Kleidung ein zweites Leben zu schenken, schmücken ihre Filialen mit grünen Recycling-Boxen — doch ein Großteil der Altkleider aus diesen Boxen wird nicht wiederverwertet.
Ein System im freien Fall
Man könnte meinen: Okay, Exportmärkte, das klingt wenigstens noch nach Kreislauf. Doch auch das stimmt nur noch auf dem Papier. Die Preise für Altkleider sind dramatisch gesunken, seit Herbst 2024 decken die Markterlöse die Kosten der Sammlung nicht mehr. In der Folge sind bereits zwei große gewerbliche Sammler in Insolvenz gegangen, weitere ziehen sich zurück.
Für eine Tonne Altkleider werden am Markt nur noch zwischen 10 und 30 Euro bezahlt, statt wie früher 250, 300 oder sogar 600 Euro pro Tonne. Das ist kein gradueller Rückgang. Das ist ein Kollaps. Mit SOEX hat 2025 einer der größten gewerblichen Sammler, Sortierer und Händler Insolvenz angemeldet. Viele kleine und mittelständische Sammler folgen — und Container verschwinden.
Früher fanden wöchentlich zwei Leerungen statt, mittlerweile werde nur noch einmal pro Woche geleert, erklärt Frank Herbrik, DRK-Geschäftsführer im Kreisverband Dieburg. Der Grund: Das Unternehmen habe selbst Schwierigkeiten, die Altkleider auf dem Weltmarkt abzusetzen, weil es einfach zu viel davon gibt.
Zu viel davon. Drei Worte, die den Kern des Problems benennen.
Fast Fashion als stiller Täter
Bei Sammlern landet immer mehr Kleidung aus Polyester und anderen Kunstfasern. Diese Kleidungsstücke sind neu oft schon für wenige Euro zu haben, ein paar Mal getragen, kaum noch zu gebrauchen. Genau diese Ware verstopft die Container und macht das System unrentabel. Immer mehr Schrottkleidung landet in den Containern: verdreckt, zerrissen, verfärbt und schlicht unbrauchbar. Die Qualität der abgegebenen Textilien sinkt immer mehr, bestätigen auch Städte wie Freiburg.
Und hier liegt die eigentliche Gegenthese zu allem, was wir bisher geglaubt haben: Der Container ist nicht das Problem. Die Kleidung selbst ist es. In Deutschland landen jährlich mehr als eine Million Tonnen Alttextilien in Containern, neue Kleidung entsteht daraus so gut wie nie. Mode besteht heute häufig aus Mischfasern, etwa aus Baumwolle und Polyester — und diese Mischfasern verhindern oft, dass Textilien recycelt werden können.
Auch der osteuropäische Markt ist durch den russischen Angriffskrieg nahezu kollabiert. Second-Hand-Ware aus Deutschland wird damit zum Ladenhüter. Das Gesamtbild ist düster: geopolitische Verwerfungen, sinkende Exporterlöse, wachsende Qualitätsprobleme, ein System, das jahrzehntelang gut funktioniert hat, steht vor dem Aus.
Was wirklich hilft, und was die EU jetzt versucht
Wer es bisher noch nicht wusste: Das DRK betreibt die Altkleidersammlung aus zwei Gründen, einerseits erhält es dadurch gut erhaltene Kleidung, um jährlich 1,2 Millionen benachteiligte Menschen damit versorgen zu können. Die Hilfsorganisation ist darauf angewiesen, dass sie aus dem Verkauf der gebrauchten Kleidung Geld für ihre sozialen Dienste erzielen kann — zum Beispiel für Angebote für kranke, ältere oder obdachlose Menschen. Das System ist also nicht böse, es ist nur überlastet und strukturell kaputt.
Ab Januar 2025 dürfen Altkleider nicht mehr über den Restmüll entsorgt werden, so die Vorgabe der EU. Doch es gibt Haken dabei. Die neue EU-Richtlinie legt fest, dass Altkleider nicht mehr in der Restmülltonne entsorgt werden sollten — in der Folge schmeißen manche Menschen auch unbrauchbaren Textilmüll in den Container statt in die Restmülltonne. Gut gemeint, schlecht ausgeführt. Eine typische Brüsseler Ironie.
Auf politischer Ebene ist Bewegung zu spüren. Bundesumweltminister Carsten Schneider hat Eckpunkte für ein neues Textilgesetz vorgelegt: Wer massenhaft Wegwerf-Klamotten auf den EU-Markt bringt, soll auch für die flächendeckende Sammlung und eine sinnvolle Verwertung bezahlen, auch für Billigimporte aus China. Je mehr Textilien die Hersteller auf den Markt bringen und je minderwertiger die Ware ist, desto mehr müssen sie beitragen.
Ob das reicht? Die Deutsche Umwelthilfe hat da ihre Zweifel. „Sammeln können wir schon lange, aber ohne Anreize für Wiederverwendung und ohne Vermeidungsziel verfehlt das Gesetz seinen Zweck, nämlich die Umweltauswirkungen der Textilindustrie zu reduzieren. Das bisherige System, bei dem Kleidung lediglich als Abfall endet, wird damit zementiert.“
Bis dahin bleibt die nüchterne Empfehlung: Nur wirklich tragfähige Kleidung in den Container werfen. Die besten Stücke landen ohnehin nicht mehr in den Containern, sondern werden direkt weiterverkauft, in den Containern bleibt zunehmend minderwertige Ware zurück. Wer also ein gutes Stück loswerden will, tut es über Secondhand-Plattformen, Kleidertauschpartys oder direkt bei der örtlichen Kleiderkammer — nicht über den anonymen grauen Schlitz in der Straßenecke.
Und vielleicht ist das die eigentliche Frage, die bleibt: Wenn wir es ernst meinen mit Nachhaltigkeit, müsste sie doch schon beim Kauf beginnen, und nicht beim Loswerden. Kaufen wir also, weil wir etwas brauchen? Oder damit wir später mit gutem Gewissen etwas einwerfen können?
Sources : hessenschau.de | zerowastefamilie.com