Dieser frische Duft nach neuem Stoff. Wer kennt ihn nicht? Ein neues T-Shirt aus der Einkaufstüte ziehen, kurz daran schnuppern, direkt anziehen. Jahrelang war das mein Ritual. Bis ich anfing, mich ernsthaft damit zu beschäftigen, was dieser Geruch eigentlich bedeutet.
Er stammt von den Chemikalien, die während der Herstellung eingesetzt wurden. Kein Duft nach Frische. Keine magische Fabriksauberkeit. Sondern das, was nach einem langen industriellen Prozess auf dem Stoff zurückbleibt.
Das Wichtigste
- Über 7.000 Chemikalien werden in der Textilindustrie verwendet – aber Etiketten verraten kaum etwas darüber
- Bestimmte Billigmarken überschreiten Grenzwerte um das Viertausendfache – doch die meiste Kleidung ist unbedenklich
- Ein einfacher Schritt vor dem ersten Tragen kann das Schadstoffrisiko drastisch senken
Was wirklich im neuen Kleidungsstück steckt
Mehr als 7.000 Chemikalien kommen in der Textilindustrie zum Einsatz. Eine Zahl, die man kurz sacken lassen muss. Sieben Tausend. Zum Vergleich: Ein Küchenschrank enthält vielleicht dreißig Zutaten. Ein neues T-Shirt, das man für fünfzehn Euro kauft, hat potenziell Bekanntschaft mit einem Bruchteil dieser Substanzen gemacht.
Während der Produktion werden meist unterschiedliche chemische Inhaltsstoffe angewendet, die den Kleidungsstücken die gewünschte Farbe und eine bessere Struktur verleihen oder dafür sorgen, dass die Textilien länger gut aussehen. Dazu kommt noch ein weiterer Aspekt, den die meisten unterschätzen: Kleidung wird auch chemisch behandelt, damit sie länger ihre Passform behält oder auf dem Transportweg vor Schimmelbefall geschützt ist. Der Weg von einer Fabrik in Bangladesch bis zum Regal in der Kölner Innenstadt ist lang. Und die Kleidung braucht Schutz.
Konkret bedeutet das: Damit die Kleidung beim Waschen nicht schrumpft und pflegeleicht ist, kommen formaldehydhaltige Kunstharze zum Einsatz, die die Fasern widerstandsfähiger machen. Wer auf dem Etikett der Kleidung Hinweise wie „knitterarm“ oder „pflegeleicht“ entdeckt, sollte skeptisch sein, denn das deutet auf den Einsatz von Formaldehyd hin. Außerdem machen per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) eine Kleidung abweisend gegen Wasser, Öl und Schmutz, besonders bei Outdoor-Jacken und Arbeitskleidung.
Das Erschreckendste dabei: Kleidungsetiketten informieren zwar über die verwendeten Textilfasern, verraten jedoch nichts über die Art und Menge der verwendeten Chemikalien. Man kauft also etwas, dessen chemische Zusammensetzung vollkommen im Dunkeln bleibt. Das wäre beim Essen undenkbar.
Was die Forschung sagt, und warum man trotzdem nicht in Panik verfallen sollte
Jetzt die Gegenbewegung, denn ein guter Journalist hält auch die andere Seite hoch: Die gute Nachricht für Verbraucher: Die meisten Kleidungsstücke, vor allem wenn sie waschbar sind, gelten laut Experten heute als unbedenklich. Fachleute empfehlen zwar, Textilien vor dem ersten Tragen zu waschen. Wer das nicht tun möchte, hat höchstwahrscheinlich keine allzu gesundheitsgefährdenden Konsequenzen zu befürchten.
Aber. Es gibt ein Aber, und das betrifft bestimmte Gruppen besonders. Menschen mit Hauterkrankungen oder kleine Kinder, deren Haut noch dünner ist als die von Erwachsenen, können empfindlich reagieren. Es seien vor allem Kontaktallergien, Hautveränderungen und Ekzeme möglich. Und wer schon einmal rätselhaft gereizte Haut nach einem neuen Shirt hatte, weiß: Das ist kein abstrakt-akademisches Problem.
Besonders kritisch sehen Tests die Billigmode aus Asien. Im November 2025 hat die Arbeiterkammer Österreich Kleidung von Shein und Temu auf Chemikalien untersucht. 7 von 20 Produkten überschritten Grenzwerte, etwa von Phthalaten und der Ewigkeitschemikalie PFCA. Sie hätten eigentlich nicht in der EU verkauft werden dürfen. Bei einer Damenjacke von Temu wurde der Grenzwert von PFCA um das 4.154-fache überschritten. Das Viertausend-Einhundert-Vierundfünfzig-Fache. Eine Zahl, die sich schwer in einen Kontext setzen lässt.
Was tun? Die einfache Lösung, die kaum jemand konsequent umsetzt
Wenn Kleidung mit Körperschweiß in Kontakt kommt, lösen sich aus dem Textil Rückstände von Chemikalien und diese gelangen dann auf die Haut. In Folge davon kann eine Kontaktallergie auftreten. Der erste Waschgang ist daher keine Übervorsicht, sondern schlicht sinnvoll.
Neue Kleidung vor dem ersten Gebrauch zu waschen ist ratsam. Dadurch lassen sich viele dieser Stoffe, vor allem solche, die nicht fest in den Fasern sitzen, deutlich reduzieren. Dazu kommt ein praktischer Tipp, den viele nicht kennen: Man könnte die Kleidung auslüften, da es auch Chemikalien gibt, die zwar flüchtig sind, sich aber schlecht beim Waschen lösen. Andere Substanzen, die sich erst durch Feuchtigkeit wie Schweiß lösen, bleiben davon unberührt. Wer sicher gehen möchte, macht am besten beides.
Einige konkrete Hinweise für den nächsten Einkauf:
- Steht auf einem Waschhinweis die explizite Empfehlung, dass das Kleidungsstück vor Gebrauch oder separat gewaschen werden soll, enthält es vermutlich sehr viele Schadstoffe.
- Kleidung mit den Hinweisen „antibakteriell“, „geruchsfrei“, „geruchsarm“ oder „knitterfrei“ sollte man besser meiden.
- Wer vor Azofarbstoffen sicher sein möchte, sollte außerhalb der EU, zum Beispiel im Urlaub, keine Kleidung kaufen.
- Second-Hand-Mode hat im Normalfall bereits viele Waschgänge durchlaufen, somit ist das Schadstoffrisiko geringer.
Die Siegel, auf die es ankommt
Dr. Kerstin Effers von der Verbraucherzentrale NRW rät, Kleidung zu kaufen, bei deren Herstellung eine Vielzahl von Schadstoffen nicht verwendet werden darf, erkennbar an Siegeln wie dem Global Organic Textile Standard. Zertifikate für möglichst schadstoffarm hergestellte Kleidung sind unter anderem die Siegel des IVN (Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft) des GOTS (Global Organic Textile Standard) und die Bluesign-Siegel.
Trotzdem gilt: Auch zertifizierte Kleidung sollte vor dem ersten Tragen gewaschen werden, da Siegel zwar Schadstoffe prüfen, aber nicht vor Staub und Keimen aus Produktion und Transport schützen. Denn bis ein Kleidungsstück beim Käufer ankommt, hatte es verschiedene Mitarbeiter aus der Produktion in der Hand, war an verschiedenen Orten gelagert, womöglich von vielen Personen anprobiert.
Und jetzt die unbequeme Gegenfrage, die sich nach all dem aufdrängt: Wenn die Waschmaschine die Chemikalien löst, wohin gehen sie dann? Die mit dem Waschen gelösten Chemikalien gelangen über das Abwasser ins Meer und belasten so die Umwelt. Besonders organische Chlorverbindungen stehen in der Kritik, da sie meist nur schwer abbaubar sind und sich in lebenden Organismen anreichern. Ein Dilemma, das letztlich weit über die persönliche Entscheidung hinausreicht. Wer wirklich sauber anfangen will, fängt vielleicht nicht beim Waschen an, sondern beim Kaufen.