Ein Kleiderschrank in Tokio. Schmal, tief, ohne Schnörkel. Wer ihn zum ersten Mal öffnet, denkt vielleicht: zu wenig Platz. Zu wenig Platz für was? Das ist die eigentliche Frage.
Die Möbel in Japan sind tendenziell kleiner als in Deutschland. Sessel sind weniger ausladend, Tische schmaler. Und der Kleiderschrank? Oft kaum halb so breit wie das deutsche Standardmodell. Wer aber hinter diesem Unterschied nur ein Problem der Wohnungsgröße vermutet, liegt falsch. Dahinter steckt eine Haltung. Eine ganze Lebensphilosophie, die uns zwingt, unsere eigene Art zu besitzen zu hinterfragen.
Das Wichtigste
- Schmale japanische Schränke sind kein Zufall, sondern das Ergebnis einer kulturellen Philosophie, die Knappheit in Weisheit verwandelt hat
- Der breite deutsche Kleiderschrank offenbart ein unbequemes Wahrheit: Wir besitzen viel mehr, als wir wirklich brauchen oder tragen
- Die japanische Faltmethode nach KonMari macht alle Kleidungsstücke sichtbar und verwandelt Schubladen in aufgeräumte, stressfreie Räume – in nur anderthalb Stunden
Der Platzmangel als Ursprung einer Weltanschauung
Die Mini- und Mikroapartments in Japan sind manchmal sogar nur knapp fünf Quadratmeter groß. Die Japaner haben also Übung darin, noch den allerkleinsten Raum größtmöglich zu nutzen. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer langen Geschichte des Lebens auf engstem Raum.
Japan ist ein dicht besiedeltes Land mit begrenzter Landfläche, insbesondere in Metropolregionen wie Tokio. Um den knappen verfügbaren Platz möglichst effizient zu nutzen, werden in Japan Wohnräume, Gebäude und sogar Möbel kleiner als in westlichen Ländern konzipiert und gebaut. Was daraus entstand, ist mehr als eine Frage der Architektur. Es ist eine kulturelle Reaktion auf Knappheit, die sich über Jahrhunderte verfeinert hat.
Japanische Einrichtungen sind vor allem auf praktische Gesichtspunkte ausgelegt. Kanso steht dabei für Minimalismus und Wertschätzung. Dieser Begriff aus der Zen-Philosophie geht weit über das hinaus, was wir im Westen „Minimalismus“ nennen. Es ist kein ästhetisches Programm, kein Pinterest-Trend. Es ist eine Entscheidung darüber, was wirklich zählt.
Der Platz ist in den kleinen Räumen oft begrenzt. Außerdem teilen sich zuweilen mehrere Familienmitglieder einen Raum, was eine Begrenzung auf das Wesentliche unausweichlich macht. Ehrlich gesagt: Wenn man gezwungen ist, sich auf das Wesentliche zu beschränken, entdeckt man sehr schnell, wie wenig davon man eigentlich braucht.
Was unsere breiten Schränke über uns verraten
Hier kommt die unbequeme Wahrheit. Der deutsche Standardkleiderschrank, gerne 200 Zentimeter breit, ist nicht deshalb so gebaut, weil wir mehr Kleidung haben, die wir wirklich tragen. Er ist so gebaut, weil wir mehr Kleidung besitzen. Zwei sehr verschiedene Dinge.
Wir sind umgeben von Dingen und kaufen immer mehr. Wir haben keine Ahnung, was wir haben oder was wir brauchen. Schlimmer noch: Die meisten dieser Dinge sind keine Dinge, die wir wirklich lieben. Das klingt hart. Das ist es auch. Aber es trifft.
Marie Kondo weist darauf hin, dass wir das Gefühl für die Existenz der unten liegenden Kleidung verlieren. Nach dem Waschen packen wir die frischen T-Shirts oben auf den Stapel. Die nächsten Tage werden wir tendenziell eher die oben liegenden Teile anziehen und die unten liegenden geraten immer mehr in Vergessenheit. Wer kennt das nicht? Aus dem Urlaub mitgebrachte Sachen liegen unterm Stapel. Die Lieblings-Jeans wurde seit sechs Monaten nicht mehr gesehen. Der Schrank hält Dinge gefangen.
Minimalistische Räume haben eine beruhigende Wirkung auf unsere Psyche. Durch die Reduzierung von überflüssigen Gegenständen und unnötigem Schnickschnack schaffen sie eine Atmosphäre der Klarheit und des Stressabbaus. Und das gilt nicht nur für den Wohnraum. Das gilt für den Schrank. Der ist der erste Ort, den man morgens aufmacht.
Die japanische Lösung: vertikal denken, bewusst wählen
Marie Kondo hat für ihr System eine besondere Methode des Faltens von Kleidungsstücken entwickelt, die für Laien schon ein bisschen an Origami erinnert. Die Kleidungsstücke werden dabei so gefaltet, dass man sie stehend aneinander gereiht in Schubladen verstauen kann. Die Faltmethode ist besonders platzsparend und erlaubt einen guten Überblick über die so gefalteten Kleidungsstücke in einer Kommodenschublade.
Dadurch, dass die Kleidung in der Schublade oder Box aufrecht steht, wird kein Druck von oben ausgeübt, was das Entstehen zusätzlicher Falten verhindert. Wenn alle Oberteile nach der KonMari-Methode gefaltet sind, sind sie von oben sichtbar, wodurch kein Shirt mehr in der hintersten Ecke verschwindet oder unter einem großen Stapel begraben liegt. Das Ergebnis. Verblüffend einfach.
Das Prinzip dahinter trägt einen Namen: Seiketsu. Die Schönheit der japanischen Organisation liegt in ihrer Philosophie: Jeder Gegenstand sollte einen Zweck und einen zugewiesenen Platz haben. Dieser Ansatz schafft nicht nur optisch ansprechende Räume, sondern fördert auch geistige Klarheit und reduziert Stress.
Und dann ist da noch Danshari: Der japanische Minimalismus, bekannt als „Danshari“ (断捨離), legt den Fokus auf das Wesentliche und Verzicht auf Überflüssiges. Die Methode geht einen Schritt weiter als nur Aufräumen: Der japanische Danshari-Ansatz hilft dir, genau einzuschätzen, was du im Leben wirklich brauchst, um minimalistischer zu leben, anstatt nur auf angesammeltes Chaos zu reagieren.
Wie man seine Schubladen sofort japanisch einräumt
Ich habe selbst einen Nachmittag damit verbracht, meine Schubladen komplett auszuräumen und neu zu befüllen. Was ich dachte: Das dauert zu lang. Was wirklich passierte: Anderthalb Stunden, und ich hatte einen Stapel Kleidung aussortiert, den ich seit Jahren nie mehr angefasst hatte.
Die Umsetzung ist schlicht. Jedes T-Shirt wird zu einem kompakten Rechteck gefaltet: Den Ärmel von der Mitte des Hemdes weg falten und dann erneut nach unten, wobei man der Linie des Kleidungsstücks folgt. Den Vorgang mit der gegenüberliegenden Seite wiederholen, aber nicht ganz bis zum Rand. Das Ziel ist es, dass sich die Ärmel nicht überlappen, da dies zu viel Platz beanspruchen würde. Dann wird das Paket aufrecht gestellt, wie ein Buch ins Regal.
Für Hosen: Ein Hosenbein auf das andere falten, die Schrittnaht nach hinten ziehen, sodass beide Beine glatt aufeinanderliegen, dann die Hose in der Länge falten und darauf achten, dass die Hosenbeine nicht ganz mit dem Hosenbund abschließen, da das Paket oben sonst zu dick wird. Aufrichten. Einräumen. Fertig.
Socken, übrigens, werden in der japanischen Methode niemals zusammengerollt. Rollen Sie Ihre Socken niemals zusammen. Wenn sie zusammengerollt oder verknotet sind, befinden sie sich immer in einem „Spannungszustand“, ihr Stoff ist gedehnt und das Gummiband gezogen. Falten und aufstellen. Eine Kleinigkeit. Die einen kleinen Unterschied macht.
Diese Faltmethode hat den simplen Vorteil, dass du ähnlich wie bei Buchrücken jedes Teil direkt siehst und einfacher Teile rausnehmen und wieder einräumen kannst. Keine verschollenen Teile mehr. Kein Wühlen. Morgens öffnet man den Schrank und sieht auf einen Blick alles, was man hat.
Und genau das ist der Punkt. Wenn man alles sieht, merkt man sehr schnell, was zu viel ist. Der schmale japanische Schrank ist kein Nachteil. Er ist ein ehrlicher Spiegel. Was passt wirklich rein? Was brauche ich wirklich? Vielleicht ist die interessantere Frage am Ende nicht, warum japanische Schränke so schmal sind, sondern warum unsere so unendlich viel Raum brauchen, ohne dass wir uns darin weniger verloren fühlen.
Sources : deavita.com | japanwelt.de