Ich schnitt meine Liebingsschuhe auf – was ich darin fand, hat alles verändert

Der Moment, in dem das Messer durch das Gummi gleitet, riecht nach Werkstatt, nach Werkzeug, nach etwas, das man eigentlich nicht anfassen sollte. Ich hatte es schon lange vor mir hergeschoben. Meine Lieblingsschuhe, ein Paar gut eingelaufene Sneaker, trugen an der Ferse eine Wölbung, die nicht mehr da war, als ich sie gekauft hatte. Die Sohle war abgetreten, irgendwie schräg, irgendwie fertig. Statt sie einfach wegzuwerfen, wollte ich wissen: Was steckt da eigentlich drin? Was habe ich all die Zeit unter meinen Füßen gehabt?

Was ich fand, hat mich wirklich überrascht. Nicht im großen Sinne, nicht mit Lärm. Eher leise. Wie eine Erkenntnis, die man eigentlich schon ahnte, aber nie zu Ende gedacht hatte.

Das Wichtigste

  • Eine Schuhsohle ist komplexer, als du denkst – und versteckt überraschende Wahrheiten
  • Der schleichende Umweltfeind: Wie deine Lieblingsschuhe Mikroplastik produzieren
  • Es gibt Alternativen – aber nur, wenn du weißt, worauf du achten musst

Ein Schuh ist kein Schuh ist kein Schuh

Es gibt nicht die eine Schuhsohle. Sie besteht in der Regel aus mehreren Schichten. Das klingt banal, wird aber erst beim Aufschneiden wirklich greifbar. Ganz unten, der Teil, der täglich über Asphalt, Pflastersteine und Parkettböden schleift: das ist die Laufsohle, der äußere Teil, der den Boden berührt. Darüber liegt, bei den meisten modernen Schuhen, eine Zwischensohle. Sie befindet sich zwischen der Außensohle und dem Schaft und ist der zentrale Dämpfungsträger des Schuhs.

Und dann kommt die Überraschung. Die Zwischensohle besteht häufig aus dem Schaummaterial Ethylen-Vinyl-Acetat (EVA), in das kleinste Luftbläschen eingeschlossen sind, die bereits ein gewisses Maß an Dämpfung bieten. EVA zeichnet sich durch sein geringes Gewicht und seine Flexibilität aus. Das ist dieses leicht gummiartige, weiche Weiß oder Grau, das man beim Aufschneiden freilegt. Leichter als erwartet. Fast schaumig. Ein Kunststoff, der Millionen Schritte abfedert, ohne dass wir je darüber nachdenken.

Die Laufschuhhersteller vermarkten ihre Mittelsohlen-Zusammensetzungen unter blumigen Namen, dabei liegen die Unterschiede meist nur in einer anderen Zusammensetzung der wenigen zur Auswahl stehenden Materialien. Boost, Fresh Foam, CloudTec. Schöne Worte für das, was im Kern oft dasselbe ist: Schaumstoff, Kunststoff, Technik.

Was sonst noch drin steckt

Abhängig von der jeweiligen Machart kann ein Schuh aus bis zu 30 Teilen bestehen. Dreißig. Für etwas, das wir morgens anziehen, ohne nachzudenken. Die Brandsohle, 2 bis 4 mm stark, gibt dem Schuh die Festigkeit für eine lange Lebensdauer. Die Decksohle verdeckt die Brandsohle im Innenbereich. Dazwischen, bei klassischen Schuhen, oft eine Füllung aus Kork. Kork ist der ideale Werkstoff: luftdurchlässig, dämmend und dämpfend, dazu natürlich und nachwachsend.

Bei der Außensohle, dem Teil also, der am meisten abgenutzt wird, gibt es die größte Materialvielfalt. Außensohlen sind zumeist aus Leder, Gummi, Kautschuk oder einer Mischung aus künstlichem Gummi mit Naturgummi oder Kunststoff gefertigt. Durch die Hinzugabe von Karbon- oder Glaspartikeln lässt sich der Härtegrad der Gummimischung regulieren. Je größer der Karbonanteil ist, desto härter, aber auch rutschiger wird die Sohle. Entsprechend ist eine Sohle klebriger und griffiger, je höher der Gummianteil ist. Jede Sohle ist also eine kleine Formelabwägung zwischen Grip, Abriebfestigkeit und Gewicht.

Und die Klebstoffe? Vor allem die Sohlen der Schuhe sind meist aus Plastik und werden an den Schuhschaft geklebt. Die dabei benutzten Klebstoffe sind hochgiftig und schlecht für die Gesundheit der Menschen, die diesen Arbeitsschritt durchführen. Das ist die Seite, die auf keinem Etikett steht.

Der unangenehme Teil: Was beim Gehen passiert

Hier wird es unbequem. Und ich meine das wörtlich. Der durch das Tragen von Schuhen hervorgerufene Abrieb von Schuhsohlen gilt als eine der größten Quellen für Mikroplastik. In Deutschland entstehen je Person etwa 100 Gramm Abrieb pro Jahr. Hundert Gramm. Das klingt wenig. Aber der Abrieb von Schuhsohlen gehört zu den Top 10 der größten Mikroplastik-Verursacher.

Ich erinnere mich, wie ich früher meinen abgenutzten Sohlen fast stolz entgegengeblickt habe. Ein Zeichen dafür, dass ich die Schuhe lange getragen hatte. Kein Wegwerfkonsum. Das Gegenteil von Fast Fashion. Tatsächlich ist das eine Gleichung, die nicht aufgeht. Durch den Abrieb der Sohlen entsteht sogenanntes Mikroplastik: winzige Plastikteilchen, kleiner als 5 Millimeter, die sich durch die Luft in der Umwelt verteilen. Das Mikroplastik landet auf dem Erdboden, in Flüssen und Meeren und wird von Lebewesen aufgenommen. Viele dieser Fische landen später auf unserem Teller.

Das ist der Moment, an dem die Lieblingsschuhe aufhören, nur ein modisches Accessoire zu sein. Sie werden zu einem kleinen Teil eines größeren, unbequemen Bildes.

Was das für unsere Entscheidungen bedeutet

Die gute Nachricht: Es gibt Alternativen, und sie werden immer zugänglicher. Damit Sohlenabrieb nicht zu umweltschädlichem Mikroplastik wird, bestehen die Sohlen nachhaltiger Schuhe am besten aus biologisch abbaubaren Naturmaterialien wie Leder oder Krepp. Denn Sohlenabrieb gilt als eine der größten Quellen für gefährliches Mikroplastik, noch vor der öffentlich breit diskutierten Kosmetik.

Sogenannte Kreppsohlen bestehen zu 100 Prozent aus Naturkautschuk, sind langlebig, lassen sich recyceln und sind biologisch abbaubar. Kork gilt als nachwachsender Rohstoff, weil er aus der Rinde der Korkeichen gewonnen wird, ohne dass die Bäume dafür gefällt werden müssen. Naturkautschuk ist biologisch abbaubar und belastet im Kreislauf daher die Umwelt weniger. Wer auf Siegel achtet: Die Kennzeichnungen FSC oder Fair Rubber zeigen einen nachhaltigen Kautschukanbau unter ökologischen und sozialen Gesichtspunkten.

Und dann gibt es die Frage der Langlebigkeit. Kommt Polyurethan mit Feuchtigkeit in Verbindung, beginnt sich die chemische Struktur zu verändern. Mit der Zeit wird die Zwischensohle immer steifer und spröder, bis sie zerfällt. Diesen Vorgang bezeichnet man als Hydrolyse. Schuhe also, die auf den ersten Blick hochwertig wirken, können bei falscher Lagerung schneller kaputtgehen als erwartet. Trocken lagern, gut pflegen, lange tragen: Das ist, zumindest beim Schuhwerk, der nachhaltigste Luxus überhaupt.

Ich habe meine aufgeschnittene Sohle eine Weile lang auf dem Tisch liegen gelassen. Gummi, Schaum, Kleber, Fasern. Dreißig Teile, die ich nie gesehen habe, obwohl ich täglich auf ihnen gelaufen bin. Vielleicht ist das der eigentliche Gedanke, der bleibt: Wie viel steckt in den Dingen, die uns täglich begleiten, von dem wir keine Ahnung haben? Und würden wir unsere Entscheidungen anders treffen, wenn wir es wüssten?

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