« Ich dachte, je dunkler das Glas, desto besser der Schutz »: beim Augenarzt hat man mir erklärt, was auf meiner Brille fehlte

Der Termin sollte eigentlich nur zehn Minuten dauern: Sehtest, kurzer Blick auf die Netzhaut, fertig. Stattdessen hielt mir die Augenärztin meine eigene Sonnenbrille vors Gesicht und stellte eine Frage, auf die ich keine Antwort hatte. Ob ich wisse, wie viel UV-Strahlung durch dieses tiefschwarze Glas tatsächlich noch durchkomme? Ich hatte keine Ahnung. Ich hatte nur gedacht: dunkel bedeutet sicher.

Genau dieser Gedanke, so erklärte sie mir, ist einer der hartnäckigsten Irrtümer beim Brillenkauf. Und er betrifft vermutlich die Hälfte aller Sonnenbrillen, die gerade in deutschen Handtaschen und Jackentaschen liegen.

Das Wichtigste

  • Eine gefährliche Täuschung: Was wir alle über Sonnenbrillen zu wissen glauben
  • Die versteckte Gefahr hinter dunklen Gläsern ohne Zertifikat
  • Worauf Sie beim nächsten Brillenkauf wirklich achten müssen

Der Denkfehler, der uns alle betrifft

Fangen wir mit der unbequemen Wahrheit an: Die Tönung der Gläser hat nichts mit dem UV-Schutz zu tun, wie das Kuratorium Gutes Sehen erklärt. Die Annahme „je dunkler, desto besser“ ist also ein Irrtum. Klingt kontraintuitiv, oder? Schließlich blendet ein dunkles Glas spürbar weniger. Genau dieses Gefühl von Schutz führt uns aber in die Irre.

Was in Wahrheit passiert, ist fast schon paradox. Der häufigste Irrtum beim Brillenkauf ist die Annahme, dass dunkle Gläser automatisch auch vor UV-Strahlung schützen. Tatsächlich ist der UV-Schutz technisch völlig unabhängig von der Tönung. Die Tönung ist reine Kosmetik fürs Auge, nichts weiter als ein Blendschutz für sichtbares Licht. Ultraviolette Strahlung, die eigentliche Gefahr, sieht man nicht, spürt man nicht, und sie kümmert sich herzlich wenig darum, ob das Glas vor ihr grau, braun oder pechschwarz gefärbt ist.

Richtig gefährlich wird es sogar erst durch die Kombination aus dunklem Glas und fehlendem UV-Filter. Die Augenärztin erklärte mir den Mechanismus so eindringlich, dass ich ihn seitdem nicht mehr vergessen habe: Umso dunkler die Gläser sind, desto mehr öffnen sich die Pupillen. Wenn die Gläser dann keinen ausreichenden UV-Schutz aufweisen, fällt umso mehr schädliche UV-Strahlung auf die Netzhaut. Eine Billigsonnenbrille aus dem Kiosk am Strand, die zwar schön dunkel, aber ohne Filter produziert wurde, kann den Augen also mehr schaden als gar keine Brille zu tragen. Eine dunkle Brille ohne UV-Schutz ist sogar gefährlicher als gar keine. Hinter der dunklen Scheibe weitet sich die Pupille, und so gelangt besonders viel UV-Strahlung ungehindert ins Auge.

Das ist der Moment, in dem man kurz innehält. All die Jahre, in denen ich beim Brillenkauf instinktiv zur dunkelsten Variante gegriffen habe, weil sie „mehr Schutz“ versprach. Ein teurer Irrtum, im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich habe für dieses trügerische Sicherheitsgefühl auch noch bezahlt.

Was auf meiner Brille tatsächlich fehlte

Zurück zur Praxis. Die Ärztin drehte meine Brille um, suchte auf der Innenseite des Bügels, fand nichts. Kein CE-Zeichen, keine Norm-Angabe, kein UV400-Hinweis. Genau das war das Problem, nicht die Farbe des Glases.

Viel wichtiger ist, dass sie die Aufschrift «UV400» oder «100 Prozent UV-Schutz» tragen. Diese Kennzeichnung besagt, dass die Sonnenbrille alle UV-Strahlen bis zu einer Wellenlänge von 400 Nanometern herausfiltert und damit die Augen vor schädigenden UV-Strahlen schützt. In der Europäischen Union ist das kein freiwilliges Gütesiegel, sondern gesetzlich geregelt: Sonnenbrillen fallen unter die EU-Verordnung für persönliche Schutzausrüstung und unterliegen den harmonisierten EU-Vorschriften. Was die Lichtdurchlässigkeit betrifft, werden Sonnenbrillen entsprechend der harmonisierten Norm DIN EN ISO 12312-1 in fünf Filterkategorien eingeteilt, mit der die Brillen gekennzeichnet werden müssen.

Zwei völlig unterschiedliche Angaben verstecken sich also auf jeder seriösen Sonnenbrille, und genau diese Unterscheidung hatte ich nie richtig verstanden. Die Filterkategorie, meist eine Zahl zwischen 0 und 4, sagt etwas über die Tönung und den Blendschutz aus. Die UV400-Angabe dagegen betrifft ausschließlich die unsichtbare Strahlung. Man kann sich das wie zwei getrennte Schubladen vorstellen: die eine für Komfort, die andere für Gesundheit. Eine kleine, aber lehrreiche Übersicht, was die Filterkategorien konkret bedeuten:

  • Kategorie 0 bis 1: kaum bis leicht getönt, geeignet für bedecktes Wetter
  • Für den Alltag reicht laut BVA eine Sonnenbrille der Kategorie 2 oder 3
  • Kategorie 4 ist extremen Bedingungen wie Hochgebirge und Gletscher vorbehalten und darf nicht zum Autofahren getragen werden, weil sie das Sichtfeld zu stark abdunkelt

Besonders überraschend fand ich einen Nebensatz der Ärztin, den ich zunächst für einen Scherz hielt: Auch eine komplett durchsichtige Brille kann vollen UV-Schutz bieten. Die Farbe oder Dunkelheit eines Glases sagt nichts über seinen Schutz vor UV-Strahlung aus. Sogar eine helle oder transparente Brille kann vollständigen UV-Schutz bieten, wenn das Material entsprechend beschichtet ist. Man stelle sich das vor: eine klare Lesebrille, die die Netzhaut zuverlässiger schützt als ein schwarzes Designermodell ohne Zertifikat. Eine Idee, die dem gesunden Menschenverstand widerspricht, aber technisch vollkommen plausibel ist.

Warum das gerade jetzt wichtig wird

Wer denkt, das Thema betreffe nur den Strandurlaub im Süden, irrt ebenfalls. Der BVA rät ab einem UV-Index von 3 zu Sonnenbrille und Kopfbedeckung. Diesen Wert erreicht die Strahlung in Deutschland an sonnigen Tagen bereits im Frühjahr. Und die Reflexion tut ihr Übriges: Alle 1000 Höhenmeter erhöht sich die UV-Strahlung um rund 10 Prozent. Neben Schnee reflektieren Sand und Wasser die UV-Strahlung und verstärken sie bis zu 80 Prozent. Ein Nachmittag am See kann die Augen also stärker belasten als gedacht, selbst wenn die Sonne gar nicht besonders aggressiv wirkt.

Was ich aus dem Termin mitgenommen habe, war letztlich keine dramatische Diagnose, sondern eine einfache Gewohnheitsänderung: beim nächsten Brillenkauf nicht mehr die Farbe des Glases prüfen, sondern die Innenseite des Bügels. Dort, wo die kleine Prägung sitzt, die über UV400, CE und Norm informiert, entscheidet sich, ob eine Sonnenbrille wirklich schützt oder nur so aussieht. Die eigentliche Frage lautet also nicht mehr, wie dunkel eine Brille sein sollte, sondern: Wann habe ich zuletzt tatsächlich hingeschaut, bevor ich eine gekauft habe?

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