Der Sport-BH kam frisch aus der Trommel, roch nach Waschmittel und Sauberkeit, ich habe ihn sogar kurz an die Nase gehalten, bevor ich ihn anzog. Zwei Stunden später, nach dem Training, dieser bekannte säuerliche Geruch. Nicht der frische Schweißgeruch von eben, sondern etwas Älteres, Zäheres, das sich schon vorher irgendwo festgesetzt haben musste. Genau da fing meine kleine Recherche an, denn irgendetwas stimmte an dieser Gleichung nicht.
Die Antwort liegt nicht im Waschmittel, nicht in der Körperhygiene, sondern in etwas viel Unspektakulärerem: den Fasern selbst. Genauer gesagt in dem, was sich zwischen ihnen einnistet und selbst 40-Grad-Wäschen locker überlebt.
Das Wichtigste
- Frischer Schweiß stinkt gar nicht – erst Bakterien machen ihn zum Problem
- Bestimmte Bakterien lieben Polyester mehr als Baumwolle – doch die genaue Ursache ist noch rätselhaft
- 40-Grad-Wäschen reichen nicht aus, um Schweißrückstände vollständig zu entfernen
Der Trugschluss mit dem Schweiß
Die erste Überraschung: Schweiß selbst stinkt gar nicht. Genau genommen sind wir gar nicht selbst für den Schweißgeruch verantwortlich. Frischer Schweiß ist nämlich geruchlos – erst durch die bakterielle Umsetzung von Substanzen im Schweiß entstehen die berüchtigten flüchtigen Substanzen. Ein Detail, das ich lange falsch verstanden hatte. Ich dachte immer, der Körper produziere den Gestank direkt. Tatsächlich sind es Mikroorganismen, die sich an bestimmten Bestandteilen des Schweißes bedienen und dabei Abfallprodukte freisetzen, die unsere Nase als unangenehm einstuft.
Belgische Forscher der Universität Gent haben diesen Mechanismus 2014 in einer vielzitierten Studie genauer untersucht. Sie ließen 26 Männer und Frauen durch einstündiges Fahrradfahren Schweiß produzieren, wobei jeder ein T-Shirt aus reiner Baumwolle, Polyester oder einem Mischgewebe trug, und schlossen die Hemden anschließend 28 Stunden bei Zimmertemperatur in Plastikbeutel ein, damit vorhandene Bakterien sich vermehren konnten. Das Ergebnis war eindeutig, und ziemlich unbequem für alle Fans von Funktionskleidung.
Die Analysen zeigten: In den getragenen Polyester-Textilien hatten sich vergleichsweise viele sogenannte Mikrokokkus-Bakterien entwickelt, harmlose Mikroben, die bereits als Stinker berüchtigt sind. Diese kugelförmigen Bakterien haben es sich auf synthetischen Fasern gemütlich gemacht, und zwar deutlich gemütlicher als auf Baumwolle. Sie sind für den Abbau von langkettigen Fettsäuren, Hormonen und Aminosäuren in kleine, flüchtige Stink-Substanzen bekannt. Kurz gesagt: Genau die Mikroben, die für den typischen „Sportklamotten-Muff“ verantwortlich sind, bevorzugen ausgerechnet das Material, aus dem fast jeder Sport-BH besteht.
Spannend fand ich, dass die Bakterien, die tatsächlich für den Achselgeruch auf der Haut zuständig sind, die Corynebakterien, auf Textilien gar nicht wachsen. Für die Geruchsentwicklung auf der Haut der Achseln sind hingegen sogenannte Corynebakterien verantwortlich, sie wachsen aber den Ergebnissen zufolge nicht auf den Textilien. Das bedeutet: Der Geruch, der einem beim Ausziehen des Sport-BHs entgegenschlägt, ist quasi ein eigenes, textilspezifisches Phänomen. Eine kleine, hartnäckige Population, die sich in den Maschen eingerichtet hat und dort bleibt, ganz unabhängig davon, wie gründlich man sich duscht.
Warum ausgerechnet Polyester der bessere Nährboden ist
Was mich am meisten überrascht hat: Die genaue Ursache, warum sich diese Mikrokokken auf Kunstfasern so viel wohler fühlen als auf Naturfasern, ist bis heute nicht vollständig geklärt. „Diese Mikrokokken wachsen auf Polyester besser“, warum sich die Bakterien gerade auf diesem Material so wohlfühlen, sei noch unklar, die Forscher vermuten jedoch, dass es mit der Beschaffenheit der Oberfläche zusammenhängen könnte. Franchement, das ist eine dieser Situationen, in denen die Wissenschaft ehrlich zugibt: Wir wissen, dass es passiert, aber nicht vollständig, warum.
Ein Erklärungsansatz betrifft die elektrostatischen Eigenschaften synthetischer Fasern. Synthetische Fasern wie Polyester, Polyamid und Elastan, die häufig in Sportkleidung verwendet werden, speichern weniger Feuchtigkeit, haben jedoch ein anderes Problem: Ihre Fasern sind zwar glatt, laden sich aber elektrostatisch auf und binden dadurch Hautfette besonders stark. Baumwolle dagegen verhält sich fast gegensätzlich: Sie zieht Feuchtigkeit tief in ihr Innerstes, was beim Tragen angenehm ist, aber eben auch bedeutet, dass Bakterien und Fette regelrecht eingesogen werden. Außerdem werden Geruchsstoffe von Kunstfasern schlechter absorbiert, was dazu führt, dass die Geruchspartikel stärker wahrnehmbar sind. Zwei völlig unterschiedliche Materialien, zwei völlig unterschiedliche Wege zum gleichen unangenehmen Ergebnis. Eine Ironie, die ich vorher nie bedacht hatte: Der glatte, technische Stoff, der beim Training so leicht und trocken wirkt, ist gleichzeitig ein kleines Bakterien-Hotel.
Was tatsächlich hilft, und was nur Mythos ist
Bevor ich anfing zu recherchieren, war ich fest davon überzeugt, dass ein Sportwaschgang bei 40 Grad reicht, um alles wieder loszuwerden. Falsch gedacht. Waschtemperaturen von 30 °C bis 40 °C werden für Sportbekleidung und Sportwäsche empfohlen, diese Temperaturen sind allerdings in Kombination mit einem herkömmlichen Waschmittel zu niedrig, um Schweiß vollständig aus der Kleidung zu entfernen, es bleiben Schweißrückstände in der Kleidung zurück. Und diese Rückstände werden bei der nächsten Schweißattacke einfach reaktiviert, wie eine Art schlummerndes Depot, das nur auf Feuchtigkeit wartet.
Besonders spannend fand ich außerdem, dass Weichspüler, dieser vermeintliche Freund jeder Wäsche, hier eher zum Feind wird. Weichspüler legt sich wie ein Film über die Fasern und kann Gerüche sogar verstärken. Ein weiterer Trugschluss, dieses Mal ohne wissenschaftliche Studie, aber mit viel Fanbase in Outdoor-Foren, betrifft das Einfrieren verschwitzter Kleidung. Manche schwören darauf, ihre Sportsachen über Nacht ins Gefrierfach zu legen, in der Annahme, die Kälte würde die Bakterien abtöten. Die Idee klingt charmant, ist aber bisher nicht solide belegt und dürfte eher zur Kategorie hartnäckiger Mythos gehören als zur echten Lösung.
Was hingegen tatsächlich funktioniert: konsequentes Vorgehen direkt nach dem Sport. Je länger man wartet, desto schwieriger wird es, den Geruch wieder loszuwerden, am besten wäscht man die Sportkleidung direkt nach dem Training. Ausgetragene, feuchte Kleidung stundenlang im Sporttaschen-Dunkel liegen zu lassen, ist praktisch eine Einladung an jeden Mikrokokkus in der Nachbarschaft. Als Vorbehandlung haben sich außerdem einfache Hausmittel bewährt: Bewährt hat sich auch die Vorbehandlung von Sportwäsche mit Hausmitteln wie Soda, Natron, Citronensäure oder Essig. Kein Hexenwerk, eher Chemie aus der Vorratskammer, die aber offenbar zuverlässiger wirkt als ihr Ruf vermuten lässt.
Spezielle Sportwaschmittel und probiotische Varianten setzen genau an diesem Punkt an. Sie verhindern zuverlässig Schweißgeruch und andere Gerüche, indem sie die Geruchsursache, zum Beispiel Schweißrückstände in der Sportkleidung, mit Hilfe von Mikroorganismen porentief zersetzen. Statt den Geruch mit Parfüm zu überdecken, wie es klassische Duftwaschmittel tun, greifen diese Mittel die Ursache an der Wurzel an. Ob sich das im Alltag lohnt, hängt natürlich davon ab, wie oft man trainiert und wie hartnäckig die eigenen Textilien schon geworden sind.
Am Ende bleibt eine Frage, die ich mir seither immer wieder stelle, wenn ich vor dem Wäschekorb stehe: Wie viele meiner Lieblings-Sportstücke habe ich längst innerlich abgeschrieben, obwohl das eigentliche Problem gar nicht das Stück selbst ist, sondern ein paar Milliarden unsichtbarer Mitbewohner, die sich seit Monaten gemütlich eingerichtet haben?
Sources : plusperfekt.de | wissenschaft-aktuell.de