Die Klauenspange ist zurück: Wie ein 90er-Klassiker zum Fashion-It-Piece wurde

Ein Stück Plastik. Ein bisschen Glitzer. Und plötzlich ist es wieder überall. Wer in den letzten Wochen durch Instagram oder TikTok gescrollt hat, dem ist aufgefallen: Die Haarspange ist zurück. Nicht irgendeine, sondern die Klauenspange aus den 90ern, diese klobige, fast trotzige Konstruktion aus Celluloid oder Acryl, die unsere Mütter und wir selbst als Kinder achtlos in den Haaren trugen. Doch was einst nach Schulkantine und Kindheitserinnerungen roch, hat sich still und heimlich zum It-Piece der Saison gemausert.

Das Wichtigste

  • Ein einfaches Plastik-Accessoire wird plötzlich zum Must-Have auf Fashionweeks und Social Media
  • Zwei Generationen tragen die Spange aus völlig unterschiedlichen Gründen – und treffen dennoch denselben Nerv
  • Der Styling-Trick: ungeordnet statt perfekt – die Klauenspange muss absichtlich lässig wirken

Das Accessoire, das niemand vermisst hat – bis plötzlich alle es wollten

Die Klauenspange (auf Englisch „claw clip“) feiert seit einiger Zeit ein stilles Comeback, das inzwischen laut geworden ist. Auf den Streetstyle-Fotos der letzten Fashionweeks in Mailand und Paris tauchte sie immer wieder auf: locker hochgesteckte Haare, ein paar Strähnen fallen heraus, und mittendrin diese oversized Spange in Bernsteingelb, Milchglas-Weiß oder schimmerndem Schildpatt-Muster. Der Look? Absichtlich unfertig. Lässig wie ein gutes Croissant.

Franchement, das Überraschende ist nicht, dass dieses Accessoire zurückkommt. Die 90er werden seit Jahren recycelt, von der Baggy Jeans bis zur Minibrille. Das Überraschende ist, wie glaubwürdig es wirkt. Die Klauenspange hat etwas, das anderen Retro-Pieces fehlt: Sie löst ein echtes Problem. Sie hält das Haar. Punkt. Keine komplizierte Stecktechnik, keine Hitzeschäden durch Werkzeug, keine zehn Minuten vor dem Spiegel. Zwei Sekunden, ein Klick, fertig.

Diese Funktionalität, die lange als spießig galt, ist heute ihr stärkstes Argument. In einer Zeit, in der „effortless beauty“ zum obersten Stilgebot aufgestiegen ist, passt die Klauenspange besser als je zuvor ins Bild.

Warum die Nostalgie diesmal anders schmeckt

Es wäre zu einfach, das Phänomen als reines Nostalgie-Marketing abzutun. Die Generation Z, die diesen Trend gerade am lautesten feiert, hat die 90er gar nicht bewusst erlebt. Für sie ist die Klauenspange kein Heimweh, sondern Entdeckung. Eine Ästhetik, die sie aus den Filmen kennt („Clueless“, „Romy and Michele’s High School Reunion“), aber mit ganz eigenem Blick neu interpretiert.

Genau hier liegt die eigentliche Kraft des Comebacks: Wenn zwei Generationen dasselbe Accessoire tragen, aber aus komplett unterschiedlichen Beweggründen, dann hat es einen kulturellen Nerv getroffen. Die 35-Jährige trägt die Spange und lächelt bei einer Erinnerung. Die 22-Jährige trägt sie und postet dazu Charli XCX. Das Objekt bleibt gleich, die Bedeutung verschieben sich.

Hinzu kommt ein ökologisches Argument, das zwar selten explizit gemacht wird, aber unterschwellig mitschwingt. Die Klauenspange hält ewig. Eine gute aus dickem Acetat kann problemlos zehn, fünfzehn Jahre überdauern. In einer Modewelt, die langsam aus ihrer Fast-Fashion-Trance erwacht, ist das kein unwichtiger Gedanke.

Wie man sie heute trägt – und wie lieber nicht

Der entscheidende Unterschied zwischen dem 90er-Original und der 2025er-Version liegt im Styling-Ansatz. Früher wurde die Spange eingesetzt, um das Haar möglichst komplett und ordentlich zu bändigen. Heute ist das Gegenteil das Ziel: Die Spange sitzt locker, Strähnen fallen heraus, der Dutt ist hoch und unordentlich, fast wie nach einer langen Nacht. Der Franzosenzopf war gestern. Der „undone bun“ mit Klauenspange ist heute.

Materiell hat sich ebenfalls etwas verschoben. Während die Original-90er-Versionen oft aus dünnem, brüchigem Plastik bestanden, setzen aktuelle Designer und Kleinserienhersteller auf dickes, opakes Acetat mit einem matten Finish. Die Spangen sind größer geworden, dramatischer in der Form, manchmal geradezu skulptural. Wer sich die Kollektionen verschiedener Accessoire-Labels ansieht, findet Stücke, die eher an Kunstobjekte erinnern als an Frisierhelfer.

Was man vermeiden sollte: die Spange so einsetzen, dass sie wie eine Verlegenheitslösung wirkt. Das Haar hektisch hochgesteckt auf dem Weg zur U-Bahn, die Spange schief, der Rest vergessen. Der Look funktioniert nur, wenn er gewollt aussieht, auch wenn er das Gegenteil zeigt. Diese Paradoxie ist typisch für die aktuelle Modeästhetik – Mühelosigkeit braucht Übung.

Das kleine Detail mit großer Wirkung

Was mich an diesem Trend wirklich interessiert, ist das, was er über unseren Umgang mit Accessoires aussagt. Die Handtasche kostet heute Tausende Euro, der Schmuck ist minimalistisch und teuer. Und dann? Eine Spange für acht Euro im Vintage-Shop oder zwölf beim Kleinlabel aus Berlin. Dieses Nebeneinander von Luxus und bewusstem Low-Budget ist eine der interessantesten Entwicklungen in der aktuellen Modekultur.

Die Klauenspange demokratisiert den Trend auf eine Art, die selbst eine 400-Euro-Tasche nicht kann. Jede kann mitmachen. Das macht sie politisch, wenn man so will, in einem Modekontext zumindest.

Gleichzeitig hat das Revival eine hübsche Ironie: Was jahrelang als das uncoolste Accessoire überhaupt galt, als Symbol für den Verzicht auf Sorgfalt, ist heute das Zeichen von jemandem, der Stil verstanden hat. Mode dreht die Bedeutungen im Uhrzeigersinn, dann wieder dagegen. Die Klauenspange hat einfach gewartet, bis es wieder ihr Turn war.

Die wirkliche Frage ist, welches vergessene Accessoire als nächstes aus der Schublade auftaucht. Der Scrunchie hat seinen Moment schon gehabt. Die Haarnadel in Tortoiseshell ebenso. Liegt da irgendwo noch eine vergessene Haarreif-Generation auf ihren zweiten Frühling?

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