Ein Sommertag, ein bequemes Kleid, und Wedges, die so unschuldig wirken wie Espadrilles am Strand. Kein wackelnder Stiletto-Absatz, keine Angst vor Pflastersteinen. Der Keilabsatz galt jahrelang als das gesündere Kompromissangebot zwischen Absatzhöhe und Alltagstauglichkeit. Bis eine Podologin den Fuß auf einen Druck-Messscanner stellte, und das Ergebnis auf dem Bildschirm erschien.
Was sich dort zeigte, war ernüchternd. Und gleichzeitig eine kleine Revolution im Schuhschrank.
Das Wichtigste
- Der starre Keilabsatz hindert den Fuß an seiner natürlichen Abrollbewegung – ein biomechanisches Problem, das nicht sichtbar ist
- Diese Kompensationsbewegungen führen zu einer stillen Kettenreaktion: Spreizfuß, Knieschmerzen, Rückenleiden
- Was Fußexpertinnen wirklich empfehlen, ist überraschend einfach – und es geht nicht um Verzicht
Der Mythos vom gesunden Keilabsatz
Die Logik klingt zunächst überzeugend: Keilabsätze sind eine modische Innovation, um die Vorzüge von High Heels mit denen von flachen Schuhen zu kombinieren. Der große Vorteil von Keilabsätzen liegt darin, dass sie einen guten Halt bieten und eine große Auftrittsfläche haben. Kein Umknicken, kein Wackeln. Und tatsächlich kursiert schon lange die Einschätzung, dass Wedges bei hochhackigen Schuhen die stabilere, fußschonendere Option seien.
Doch hier beginnt das Problem. Denn Stabilität ist nicht dasselbe wie Gesundheit.
Der Fuß ruht bei Keilabsätzen praktisch auf einer Schräge, vorne an der Spitze direkt am Boden, an der Ferse hoch wie in High Heels. Das klingt harmlos, hat aber biomechanische Konsequenzen, die der Blick in den Spiegel nicht verrät. Denn entscheidend für einen gesunden Fuß ist nicht der Stand, sondern die Bewegung. Das Abrollen.
Was mit dem Fuß wirklich passiert, Schritt für Schritt
Die Abrollbewegung des Fußes ist ein funktionell sehr wichtiger Vorgang beim Gehen und langsamen Laufen. Störungen können negative Auswirkungen auf den gesamten Körper haben. Beim gesunden Gang werden auf jeden Fall drei Kontaktpunkte des Fußgewölbes erreicht: die Ferse, der Klein- und der Großzehenballen. Die Abrollbewegung ist der Garant dafür, dass die Fortbewegung unter mechanisch günstigen Bedingungen erfolgt. Im Zusammenspiel mit der Gewölbekonstruktion sorgt sie dafür, dass die von oben kommende Last sukzessive auf viele Elemente des Fußskeletts verteilt wird.
Genau hier liegt der Haken mit den Wedges. Die durchgehende, starre Sohle eines Keilabsatz-Schuhs hindert den Fuß daran, diesen wellenförmigen Bewegungsablauf frei auszuführen. Sind Schuhe zu hart, zu eng und zu unflexibel, ist die Bewegungsfreiheit des Fußes stark eingeschränkt. Das Natürliche Abrollen kann sich nicht entfalten. Aufgrund dessen bildet sich die Fußmuskulatur, die normalerweise für die Abrollbewegung geschaffen ist, immer weiter zurück.
Ein Teufelskreis, der sich im Alltag kaum bemerkbar macht, weil er langsam und lautlos funktioniert. Der Träger oder die Trägerin kompensiert dies durch das „falsche Abrollen“ über die Fußaußenseite, wodurch die Fußmuskulatur immer weiter geschwächt wird. Ein Teufelskreis.
Was die Podologin auf dem Scanner zeigt, ist genau dieses Kompensationsmuster. Bereiche, die zu stark belastet werden. Bereiche, die gar nicht belastet werden. Und ein Sprunggelenk, das sich in jedem Schritt in einer leicht blockierten Position bewegt. Wenn das Sprunggelenk blockiert ist, hat der Patient Schwierigkeiten beim Gehen, kann den Fuß nicht richtig abrollen und entwickelt somit im Laufe der Zeit eine Fehlstellung, die zu Fußschmerzen, Beinschmerzen, Rückenschmerzen, Hüftschmerzen und anderen Leiden führen kann.
Spreizfuß, Knieschmerzen, Rücken: die stille Kettenreaktion
Keilabsätze werden oft als Alternative zu Stilettos empfohlen, aber in der Fußmedizin gilt eine andere Gleichung. Vor allem Schuhe mit hohen Absätzen (High Heels, Pumps, Stilettos, Wedges, Schuhe mit Keilabsatz) sind problematisch. In hochhackigen Schuhen ist die Belastung des Vorfußes fünffach erhöht.
Das Resultat langfristiger Überbelastung kennt viele Namen. Einer der häufigsten: der Spreizfuß. Beim Spreizfuß ist das Quergewölbe im Vorderteil des Fußes abgesunken. Dadurch stehen die Mittelfuß- und Zehenwurzelknochen zu weit auseinander, sie stehen nicht parallel zueinander, sondern sind nach außen abgespreizt. Diese Fehlhaltung wirkt sich in ausgeprägten Fällen auf den gesamten Gang aus und kann Folgeleiden verursachen, wie Knieschmerzen beziehungsweise Knie-Arthrose.
Und das ist nicht das Ende der Kette. In der Podologie geht man davon aus, dass Fußprobleme die Ursache vieler Beschwerden am Bewegungsapparat sind. Die Füße bilden das Fundament des Körpers und tragen das gesamte Körpergewicht. Eine weitere wichtige Funktion der Abrollbewegung ist die Aufrechterhaltung günstiger statischer Bedingungen, die sowohl für den Fuß als auch für die Beine und den Rumpf wichtig sind. Die wellenartige Bewegung über die tragenden Elemente des Fußskelettes sorgt dafür, dass die Beinachsen eingehalten werden und die Belastung im Seitenvergleich symmetrisch ist. Das ist die Grundbedingung für eine gleichmäßige Druckverteilung im Hüft- und Kniegelenk und in der Wirbelsäule.
Ein falsch belasteter Fuß kann also Rücken schmerzen, Hüftverspannungen und Kniebeschwerden mitverursachen, die man nie mit den eleganten Sommersandalen in Verbindung gebracht hätte. Bei jedem Schritt muss der Fuß das Dreifache des Körpergewichtes abfangen. Eine große Aufgabe für Fuß und Schuh. Auch kann der Schuh dafür sorgen, dass die Stellung des Fußes stimmt und somit weitere Gelenke, wie zum Beispiel das Knie, gleichmäßig belastet werden.
Was Fußexpertinnen wirklich empfehlen
Die gute Nachricht: Es geht nicht darum, nie wieder Absätze zu tragen. Aber es geht darum, die Wahl bewusster zu treffen, als es Marketing und Werbung vorschlagen.
Das Kriterium, das Podologinnen vor die Ästhetik stellen, ist die Sohlenflexibilität. Wichtig ist, dass die Sohle flexibel ist. Viele Menschen verwechseln die Weichheit im Schuh mit der Flexibilität der Sohle. Die Flexibilität der Sohle kann man dadurch überprüfen, indem man den Schuh in die Hand nimmt und Schuhspitze und Schuhferse aufeinander zubewegt. Ein Keilabsatz besteht die meisten dieser Biegetests nicht. Seine durchgehende Konstruktion macht ihn per Definition starr.
Ein passender, fußgerechter Schuh ermöglicht bei jedem Schritt die physiologische Abrollbewegung des Fußes. Das ist der eigentliche Maßstab, an dem sich jeder Schuh messen lassen muss, gleich wie hoch sein Keil ist.
Wer trotzdem nicht auf Absatzhöhe verzichten möchte, profitiert von einem simplen Prinzip: Abwechslung. Das beste Training für Füße und Beine ist, jeden Tag eine andere Hackenhöhe zu tragen. Wer nicht immer auf die gleichen hohen Schuhe setzt, gönnt seinem Fuß Abwechslung und entgeht Fehlstellungen eher. Hinzu kommt regelmäßiges Barfußlaufen zu Hause, denn das Barfußgehen trainiert den Fuß optimal und wirkt präventiv gegen Fehlstellungen, Druckstellen und zahlreiche weitere Probleme im Fußbereich.
Podologinnen und Podologen können zudem beim Umgang mit Fußproblemen im Alltag beraten, zum Beispiel bei Fragen rund um die Wahl der Schuhe. Ein solches Gespräch kann verblüffend sein, weil es mit einer Überzeugung aufräumt, die viele von uns ungefragt übernommen haben: dass der Keilabsatz per Definition die kompromisstaugliche Variante ist.
Komfortabel, das sind Wedges tatsächlich, oft mehr als jede Stiletto-Sandale. Aber komfortabel und fußgesund sind zwei Dinge, die sich hartnäckig weigern, dasselbe zu bedeuten. Was bleibt? Die Frage, welchen anderen Schuhen im Schrank wir ähnliche Denkannahmen mitgegeben haben, ohne die Bilder jemals auf einen Scanner gestellt zu haben.
Sources : dagmarscianna-kosmetik.de | podologen.at