Eine gestrickte Strickjacke mit Blumenmuster. Ein ausgewaschenes Floral-Kleid vom Flohmarkt. Eine Brosche am Revers des Blazers, die aussieht, als hätte sie jemand aus einer Wohnzimmerkommode aus den Siebzigern gezogen. Genau das trägt die 27-jährige Lehrerin auf dem Berliner Prenzlauer Berg. Und die 31-jährige Grafikdesignerin in München. Und die Studentin in Köln, die sich die Häkel-Tasche selbst gemacht hat. Was jahrzehntelang als „Oma-Mode“ belächelt wurde, ist 2026 einer der stärksten Modemomente, die Deutschland erlebt. Willkommen im Zeitalter des Grandmacore.
Das Wichtigste
- Über 73% aktiver Häkler sind zwischen 18 und 34 Jahren — Handarbeiten sind zur digitalen Gegenbewegung geworden
- Häkel-Cardigans haben auf TikTok 11 Millionen Posts, Broschen erobern Laufstege und Oma-Haare sind plötzlich trendy
- Der Trend ist nicht nostalgisch, sondern radikal nachhaltig — Vintage vom Flohmarkt statt Fast Fashion
Der Name, den niemand erwartet hat
Grandmacore ist ein ästhetischer und kultureller Trend, der von einer Sehnsucht nach einer traditionellen, oft als „großmütterlich“ wahrgenommenen Lebensweise inspiriert wird. Der Begriff klingt nach einem Internet-Witz. tatsächlich war er das ursprünglich auch, ein ironisches Label, das auf TikTok entstand, um einen Look zu beschreiben, der bewusst uncool wirkte. Seine Wurzeln liegen in Social-Media-Plattformen wie TikTok und Instagram. Es ist ironisch, dass genau diese hochmodernen Plattformen genutzt werden, um Inspirationen aus vergangenen Epochen, traditionelle Handarbeiten und nostalgische Ästhetiken zu teilen.
Aber aus dem Witz wurde Ernst. Und aus der Ironie eine echte Bewegung.
Grandmacore ist eine aktualisierte Form des „Granny Chic“, ein Begriff, der von der Gen Z geprägt wurde. Der Trend spiegelt ein Wiederaufleben nostalgischer, vintagegeprägter Ästhetiken in Mode und Wohnen wider, mit traditionellen Elementen kombiniert mit modernem Gespür. Zentrale Themen sind Blumenmuster, handwerkliche Fertigung und nachhaltige Materialien. Frankly: Es ist der Gegenentwurf zu allem, was Fast-Fashion-Algorithmen in den letzten Jahren propagiert haben.
Häkeln ist das neue Yoga
Die Gen Z ist in eine schnelllebige Welt voller Informationsüberflutung hineingeboren worden. Auf der Suche nach einem Moment der Ruhe orientiert sich ein wachsender Teil dieser Generation an älteren Generationen. Die Antwort heißt „Grannycore“: ein gemütlicher Trend, bei dem junge Menschen ihre innere Oma heraufbeschwören, indem sie analoge Hobbys wie Stricken, Häkeln, Nähen oder Malen aufgreifen, als Gegenmittel zur digitalen Dauerbeschleunigung.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Laut einer Studie sind über 73 % der aktiven Häkler zwischen 18 und 34 Jahre alt. Häkel-Cardigans zählen allein auf TikTok über 11 Millionen Posts, und Häkel-Tops haben es auf 13,6 Millionen Beiträge gebracht. Das sind keine Nischen-Zahlen. Das ist Mainstream.
Während weiche Ästhetiken wie „Coquette“ und „Cottagecore“ die Gen Z zuvor mit Schleifen und warmen Farben begeistert haben, geht Grannycore einen Schritt weiter. Ausgehend vom Bedürfnis nach digitalem Detox geht es bei diesem Trend nicht nur ums Aussehen, es geht darum, durch die rhythmischen, repetitiven Bewegungen des Handarbeitens echte Meditation und Selbstfürsorge zu erleben. Stricken als Achtsamkeitspraktik. Eine Idee, die unsere Großmütter belustigt hätte.
Was genau im Kleiderschrank landet
Grandmacore umfasst alles, was wir mit der Wärme und Gemütlichkeit eines beschaulichen Lebens verbinden: gestrickte Pullover, selbst gebackene Apfelkuchen, handgemachte Tischdecken, Gartenarbeit und das Genießen einfacher Freuden wie eine Tasse Tee am Fenster. Mode ist dabei nur ein Teil des Ganzen, aber ein sehr sichtbarer.
Die tragenden Elemente des Looks umfassen Zopfmuster-Pullover, lange Wollmäntel, Loafer, gerüschte Knöchelsocken, Vintage-Sonnenbrillen und große flauschige Schals. Dazu kommen, und das ist der Teil, der vor zehn Jahren noch Gelächter ausgelöst hätte — Broschen. Ein unerwarteter Trend hat die Laufstege erobert: Broschen. Was früher als altmodisch galt, wird zum chicsten Weg, Persönlichkeit zu zeigen, an Blazern, Mänteln, Taschen oder Schals.
Blumen erleben ihr großes Comeback und werden zu einem bedeutenden Trend: als aufgedruckter Wandteppich, gestickt, mit Perlen besetzt oder als Stoffapplikation, sie sind allgegenwärtig. Und romantische Spitzendetails dominieren von Oberteilen bis zu Accessoires und verbinden Vintage-Charme mit modernem Design.
Der entscheidende Unterschied zum Original: Der Look ist nicht einfach kopiert, sondern neu zusammengesetzt. Leinen wird mit Strickteilen layert, übergroße Häkel-Cardigans werden über Pastellblusen getragen, und mit bestickten Accessoires abgerundet. Jedes Teil fühlt sich handgemacht an, auch wenn es das nicht ist.
Warum ausgerechnet jetzt?
Man könnte meinen, dieser Trend wäre eine reine Nostalgie-Flucht, ein ästhetisches Schulterzucken gegenüber der Gegenwart. Stimmt nur halb. Grandmacore trifft den Nerv der Zeit, weil er mehrere Bedürfnisse anspricht, die in unserer modernen Gesellschaft oft vernachlässigt werden: eine Rückkehr zu den einfachen Dingen. In einer Welt, die von Technologie und Konsum dominiert wird, bietet er ein Gefühl von Stabilität, Einfachheit und Ursprünglichkeit.
Hinzu kommt ein Argument, das für diese Generation besonders schwer wiegt: Nachhaltigkeit. Aktuelle Modetrends zeigen, dass die junge Generation ihren Kleiderschrank zunehmend mit Secondhand-Kleidung und nachhaltiger Kleidung füllt. Vintage-Stücke vom Flohmarkt, selbst gehäkelte Cardigans, Omas Seidenschal, das alles fügt sich nahtlos in eine Haltung ein, die Fast Fashion bewusst ablehnt. Ein wesentlicher Faktor beim Aufstieg von Grandmacore ist das wachsende Nachhaltigkeitsbewusstsein. Der Trend beinhaltet häufig das Weiterverwenden von Vintage-Stücken und Secondhand-Funden — Thrifting und Upcycling sind zentrale Bestandteile der Grandmacore-Ästhetik.
Millennials und Gen Z, die den „Granny Chic“ lieben, tragen zum Beispiel Großmutters Strickjacke und Brillenkette. Auch grau gefärbte Haare, das sogenannte „Granny Hair“, sind äußerst angesagt. Die Ironie ist perfekt: Jahrzehntelang haben Frauen ab 60 versucht, jünger auszusehen. Heute färben sich 25-Jährige die Haare bewusst grau.
Im Jahr 2025 verzeichnete der Trend einen massiven Anstieg auf TikTok und Pinterest, da Millennials und Gen Z Wärme, Komfort und Bedeutung in ihren Kleiderschränken und Lebensräumen suchen. Allein die Suchanfragen nach „Vintage Floral Dresses“ erreichten im Mai 2025 einen Spitzenwert von 96 (normierter Index), verglichen mit einem Wert nahe Null im Juni 2024. Ein Trend, der innerhalb eines Jahres aus dem Nichts explodiert ist.
Gegenentwurf zu einer gängigen Lesart: Grandmacore ist keine Ironie mehr, kein Post-modernes Augenzwinkern. Es geht um mehr als eine Ästhetik, es ist ein Lebensstil, der auf Achtsamkeit, Selbstversorgung, Nachhaltigkeit und Handwerk basiert. Wer das als harmlose Modephase abtut, unterschätzt, wie fundamental sich das Verhältnis junger Frauen zur Kleidung gerade verschiebt.
Die Strickjacke, die jahrzehntelang den Damenabteilungen der Kaufhäuser ein müdes Image verpasst hat, hängt jetzt im Kleiderschrank der 29-jährigen Marketingmanagerin aus Hamburg. Selbst gehäkelt, mit leuchtend türkisfarbenen Granny Squares, kombiniert mit einer Lederminijupe. Was also kommt als Nächstes, wenn der Nachwuchs anfängt, das Handwerk der Großmutter zu pflegen, wer lernt dann von wem?