Mein Großvater blieb bei Wespen am Tisch immer völlig regungslos sitzen: ich habe jahrelang darüber gelacht, bevor ich verstand, warum er recht hatte

Der Tisch meines Großvaters im Garten, ein Krug Apfelsaft, dazu Streuselkuchen, und mittendrin diese eine Wespe, die im Anflug immer größer wirkte, als sie war. Während wir Kinder kreischend die Arme durch die Luft wirbelten, saß er da wie eine Statue. Kein Zucken, kein Wimpernschlag, die Gabel mitten in der Bewegung eingefroren. Wir haben ihn dafür jahrelang aufgezogen, den „Wespenflüsterer“, der offenbar dachte, Stillhalten mache ihn unsichtbar. Heute weiß ich: Er war der einzige Erwachsene am Tisch, der tatsächlich verstanden hatte, wie diese Tiere funktionieren.

Die bittere Ironie dabei: Genau das Verhalten, das uns am albernsten vorkam, ist exakt das, was Fachleute heute unisono empfehlen. Die wichtigste Regel beim Umgang mit Wespen und Hornissen ist Ruhe zu bewahren, denn schnelle und hektische Bewegungen sollte man vermeiden, weil dadurch die Wespe sich bedroht fühlt und in Verteidigungshaltung geht. Mein Großvater, ohne je ein Biologiebuch aufgeschlagen zu haben, hatte diese Logik intuitiv verinnerlicht. Vielleicht aus Erfahrung, vielleicht aus reiner Gelassenheit eines Mannes, der zwei Weltkriege überstanden hatte und sich von einem Insekt schlicht nicht aus der Ruhe bringen ließ.

Das Wichtigste

  • Warum Großvaters sonderbare Reglosigkeit bei Wespen nicht Angst, sondern pure Strategie war
  • Das Alarmpheromon-Geheimnis: Wie ein einziger Schlag eine ganze Wespen-Armee mobilisiert
  • Wespen im August sind nicht böse – sie sind verzweifelt: Eine Geschichte über Missverständnisse

Warum Zappeln die Situation erst richtig eskalieren lässt

Wespen sehen erstaunlich gut, und zwar Bewegungen, nicht Details. Ein Würzburger Bieneninsekten-Experte hat es in einem Zeitungsinterview so formuliert: Das Allersicherste ist, ganz ruhig stehen zu bleiben und sich wirklich gar nicht zu bewegen, weil diese Insekten Bewegungen wirklich ausgezeichnet sehen können, fast wie in Zeitlupe. Für die Wespe ist eine wedelnde Hand kein Grillgast, der sie verscheuchen will, sondern eine potenzielle Bedrohung, auf die sie reagieren muss. Sie kennt schließlich keinen Unterschied zwischen einem genervten Menschen und einem Fressfeind, der ihr Nest angreift.

Kommt es tatsächlich zum Stich, wird die Lage noch komplizierter, als die meisten ahnen. Beim Stich können von Wespen Alarmpheromone freigesetzt werden, vor allem in der Nähe des Nestes, welche weitere Stiche provozieren können. Diese Duftbotschaft ist im Grunde ein chemischer Notruf. Andere Wespen in der Umgebung registrieren ihn und schalten praktisch auf Verteidigungsmodus um, denn hat eine Wespe erst einmal zugestochen, macht das ihre Artgenossen ebenfalls angriffslustig, Grund dafür ist das Alarmpheromon, das während eines Angriffs ausgestossen wird. Ein einziger überstürzter Schlag mit der Serviette kann also, im schlimmsten Fall, eine ganze kleine Eskalationskette in Gang setzen, die mit dem ursprünglichen Kuchenstück gar nichts mehr zu tun hat.

Und dann ist da noch das Pusten, diese scheinbar harmlose Geste, mit der so viele Menschen die Wespe vom Glas wegzuscheuchen versuchen. Genau das Gegenteil passiert. Viele neigen dazu, die Hautflügler mit Pusten zu verjagen, doch auch das sorgt oft für das Gegenteil, denn das im Atem enthaltene Kohlendioxid reizt Wespen zusätzlich. Für das Insekt riecht Atemluft nach Gefahr, nach einem großen, warmen Lebewesen, das sich nähert. Mein Großvater hat nie gepustet. Er hat auch nie geschlagen. Er hat einfach… nichts gemacht. Und genau darin lag die ganze Kunst.

Der Trugschluss vom bösartigen Insekt

Was mich rückblickend am meisten überrascht, ist, wie unfair der Ruf der Wespe eigentlich ist. Wir behandeln sie wie eine fliegende Bedrohung, dabei verhält sie sich, biologisch betrachtet, ziemlich vernünftig. Es ist wichtig zu verstehen, dass Wespen, wenn sie nicht gerade an ihrem Nest sind, eigentlich nicht „aggressiv“ sind, sondern einfach nur nach Nahrung suchen, dabei werden sie für uns aufdringlich, und wenn wir nach ihnen schlagen, oder sie sich gefangen fühlen, verteidigen sie sich mit einem Stich. Die Wespe am Kuchentisch ist keine Kriegerin auf Rachefeldzug, sondern schlicht eine Arbeiterin, die Zuckerguss für ihre Larven organisieren will. Franchement, wenn man es so betrachtet, wirkt unser panisches Herumfuchteln fast lächerlicher als das Insekt selbst.

Interessant ist auch, dass ausgerechnet der August, in dem gefühlt jede Familienfeier von Wespen belagert wird, der Moment ist, in dem die Tiere am verzweifeltsten sind, nicht am aggressivsten. Zu dieser Zeit befinden sich Wespen am Ende ihres Lebens, das Volk stirbt im Spätsommer und Herbst, nur die frisch geschlüpften Königinnen überleben und überwintern. Die Arbeiterinnen, die im Nest keine Aufgabe mehr haben, weil keine Brut mehr zu füttern ist, suchen sich selbst etwas Süßes zum Überleben. Sie sind orientierungslos, nicht bösartig. Eine Erkenntnis, die man beim nächsten Grillabend im Kopf behalten sollte, bevor man reflexartig die Hand hebt.

Was mein Großvater eigentlich vorgemacht hat

Es gibt eine handvoll ergänzender Tricks, die Naturschutzverbände heute empfehlen, und die mein Großvater, ganz ohne Ratgeber, ebenfalls beherzigte: Speisen und Getränke abdecken, den Strohhalm benutzen statt direkt aus der Flasche zu trinken, keine parfümierten Cremes vor dem Gartenfest auftragen. Getränke im Freien sollte man abdecken oder durch einen dünnen Strohhalm trinken, da sich eine Wespe in die Flasche verirrt haben könnte, und Kindern nach dem Verzehr von Süßspeisen im Freien den Mund und die Wangen abwischen. Nichts davon ist spektakulär. Es ist eher die Summe kleiner, unaufgeregter Gesten, die den Unterschied macht zwischen einem entspannten Nachmittag und einem hektischen Fluchtreflex quer über die Terrasse.

Ein letzter Punkt, der mich fast rührt, wenn ich heute daran zurückdenke: Die Wespe, die uns am Tisch nervte, war ohnehin nicht auf uns aus. Sollte einen eine Wespe umschwirren oder den Kuchen untersuchen, hilft es ruhig zu bleiben, da hektische Bewegungen diese aggressiv machen können, und man sollte es vermeiden, schnelle Bewegungen zu machen, nach den Wespen zu schlagen oder sie anzupusten, da die Wespen dies als Grund sehen, sich zu verteidigen. Mein Großvater ist längst nicht mehr da, um sich seinen wohlverdienten „Ich hab’s euch ja gesagt“-Moment abzuholen. Aber vielleicht ist genau das die Pointe jeder Familiengeschichte über vermeintlich altmodische Gewohnheiten: Man lacht darüber, bis man selbst am Tisch sitzt, die Wespe kreist, und die Hand ganz von allein still bleibt.

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