Der neue Pullover liegt auf dem Bett. Frisch gekauft, noch mit diesem charakteristischen Duft, ein bisschen synthetisch, ein bisschen frisch. Und der erste Impuls: einfach anziehen. Sofort. Wer kennt das nicht? Jahrelang habe ich genau das gemacht, ohne einen zweiten Gedanken daran zu verschwenden. Bis mir jemand zeigte, was tatsächlich in diesen Fasern steckt. Seitdem läuft die Waschmaschine, bevor ein einziges neues Stück meinen Körper berührt.
Das Wichtigste
- Über 6.500 Chemikalien werden bei der Textilproduktion eingesetzt – aber auf keinem Etikett deklariert
- Formaldehyd und andere Stoffe können sich durch Körperschweiß lösen und Hautreaktionen auslösen
- Ein einfacher Waschgang vor dem ersten Tragen entfernt bis zu 60% der Schadstoffe
6.500 Chemikalien, und du weißt von keiner einzigen
Bei der Textilproduktion kommen über 6.500 verschiedene Chemikalien zum Einsatz. Sie sorgen für bessere Farbhaftung, machen Textilien knitterfrei oder schützen vor Schimmel. Klingt nach Industrie-Hintergrundwissen, das einen wenig betrifft. Aber diese Chemikalien sind nicht irgendwo weit weg in einer Fabrik, sie sind buchstäblich auf deiner Haut, sobald du das neue Stück anziehst.
Verbraucher bekommen davon meist nichts mit, weil auf dem Etikett zwar angegeben ist, aus welchem Material ein Kleidungsstück besteht, aber nicht, mit welchen Mitteln es behandelt wurde. Das ist der Punkt, der mich am meisten überrascht hat. Wir lesen Zutatenlisten auf Joghurtbechern, prüfen Inhaltsstoffe in Kosmetik, aber auf dem Textiletikett steht schlicht: „100% Baumwolle“. Und das war’s.
Damit die Kleidung beim Waschen nicht schrumpft und pflegeleicht ist, kommen formaldehydhaltige Kunstharze zum Einsatz, sie machen die Fasern widerstandsfähiger. Formaldehyd. Das Wort klingt nach Chemieunterricht und Sezierraum. Formaldehyd kann Haut, Augen und Nasengänge reizen — und gilt laut der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA als bekanntes Karzinogen.
Die Gegenthese, die man gerne hört: Das ist doch alles reguliert, das sind winzige Mengen, das passiert mir nicht. Und ehrlich gesagt stimmt das, zum Teil. Die meisten Kleidungsstücke, vor allem wenn sie waschbar sind, gelten laut Experten des Bundesinstituts für Risikobewertung heute als unbedenklich. Aber „meist“ und „in der Regel“ sind keine Garantien. Und der eigene Körper folgt keiner Statistik.
Was wirklich auf der Haut landet
Spätestens wenn die Textilien mit Körperschweiß in Kontakt kommen, können sich die Chemikalien lösen und Hautausschläge oder allergische Reaktionen verursachen. Der Schweiß spielt dabei die Rolle des unfreiwilligen Lösungsmittels. Menschen mit Hauterkrankungen oder kleine Kinder, deren Haut noch dünner ist als die von Erwachsenen, können besonders empfindlich reagieren. Vor allem Kontaktallergien, Hautveränderungen und Ekzeme sind möglich.
Und dann ist da noch die Hygiene-Frage, die viele gerne ignorieren. Neue Kleidung geht durch viele Hände, von der Fabrik über den Transport bis ins Geschäft. Besonders bei unverpackten Kleidungsstücken aus dem Laden weiß man nicht, wer sie vorher anprobiert hat. Der Mikrobiologe Philip Tierno fand auf neuer Kleidung sogar Haut- und Darmbakterien sowie andere Mikroorganismen. Das ist keine Panikmache. Das ist schlicht Biologie.
Noch eine Zahl, die mich aufgeweckt hat: Da in gewaschenen Textilproben kein Formaldehyd mehr nachgewiesen wurde, ist Waschen vor dem ersten Tragen eine einfache und sichere Maßnahme für Verbraucher. Eine Studie. Ein klares Ergebnis. Fast zu einfach.
Fast Fashion: Wenn das Risiko wächst
Ende 2022 wies Greenpeace nach, dass die Kleidung des Fast-Fashion-Anbieters Shein fast durchgängig mit Spuren gefährlicher Chemikalien belastet war. Zwei Drittel der Shein-Artikel fielen in einem Test durch. Man muss keine Greenpeace-Aktivistin sein, um das beunruhigend zu finden. Ultraschnelle Mode aus Fernost, mit Preisen, die keine nachhaltige Produktion erlauben, wer glaubt, dass da beim Chemikalieneinsatz besonders sorgfältig gearbeitet wird?
Und hier kommt die eigentliche Kontraintuition: Der Preis ist kein Indikator, auch in teuren Markenprodukten können Schadstoffe stecken. Das Bio-Baumwolle-Label schützt übrigens auch nicht automatisch. Wenn das T-Shirt aus Bio-Baumwolle ist, kann es trotzdem mit giftigen Chemikalien gefärbt worden sein. Teuer gleich sicher. Eine Annahme, die so nicht stimmt.
Wird Kleidung im Ausland hergestellt, muss sie für den Transport chemisch behandelt werden, um zum Beispiel Schimmelbefall zu verhindern. Wochen auf dem Schiff, in Containern, bei schwankender Luftfeuchtigkeit. Die Konservierungsmittel auf den Fasern sind kein Fehler im System, sie sind Teil davon.
Waschen: Wie, was, wie oft
Die gute Nachricht ist radikal simpel. Waschen vor dem ersten Tragen kann bis zu 60 % des Formaldehyds entfernen. Ein normaler Waschgang. Kein Spezialwaschmittel, keine Sonderbehandlung. Am besten mehrmals waschen, das spült mögliche Rückstände von Chemikalien zuverlässig aus.
Was wirklich auf die Maschine muss, lässt sich schnell eingrenzen: Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt, neue Textilien zu waschen, die man direkt auf der Haut trägt. Dazu gehören Socken, T-Shirts oder Unterhosen. Bei Jacken hingegen sei das nicht nötig. Das klingt nach gesundem Menschenverstand, und ist es auch.
Zusätzlich könnte man die Kleidung auslüften, da es auch Chemikalien gibt, die zwar flüchtig sind, sich aber schlecht beim Waschen lösen. Beides kombinieren ist am wirkungsvollsten: erst lüften, dann waschen.
Wer beim Kauf vorsorgen möchte, kann auf Textilsiegel achten. Der Öko-Tex Standard 100 prüft Textilien auf Schadstoffe und stellt sicher, dass gesundheitsbedenkliche Chemikalien vermieden werden. Dennoch sollte auch zertifizierte Kleidung vor dem ersten Tragen gewaschen werden, da Siegel zwar Schadstoffe prüfen, aber nicht vor Staub und Keimen aus Produktion und Transport schützen.
Kleidung aus Secondhand-Läden ist oft weniger belastet, da sie meist schon oft gewaschen wurde. Ein Argument für Vintage, das man so nicht erwartet hätte. Der abgetragene Trenchcoat aus dem Charity-Shop: chemisch gesehen möglicherweise sauberer als das nagelneue Modell aus dem Einkaufszentrum.
Der eigentliche Gedanke, der bleibt: Wir sind sorgfältig bei dem, was wir essen und auf die Haut schmieren. Aber was wir stundenlang am Körper tragen, prüfen wir nicht. Vielleicht sollte sich das ändern, und die Waschmaschine bekommt einfach einen neuen Platz in der Routine: ganz am Anfang, bevor irgendein neues Stück überhaupt im Schrank landet. Was läuft bei dir noch auf der Haut, ohne dass du weißt, was drin steckt?