Warum deine Ohrringe beim Haarefärben in Gefahr sind – und was Friseure nicht erzählen

Ein leises Zischen. Kaum wahrnehmbar, fast eingebildet. Aber dann, nach dem Ausspülen, dieser bläulich-graue Schleier auf dem silbernen Ring des Ohrsteckers. Wer regelmäßig seine Haare färbt und dabei seinen Schmuck trägt, kennt diesen Moment vielleicht. Ich habe ihn jahrelang ignoriert.

Bis mir ein Friseur in Hamburg beiläufig erklärte, was in diesen zwanzig bis vierzig Minuten tatsächlich auf molekularer Ebene passiert. Was ich dann verstand, hat meine Routine für immer verändert.

Das Wichtigste

  • Haarfarbe enthält Stoffe, die Metalle genauso angreifen wie Haarstruktur – mit sichtbaren Folgen
  • Nicht nur der Schmuck leidet: Die Chemikalien können direkt ins Ohrloch eindringen
  • Es gibt einen großen Unterschied zwischen echtem Gold und versilbertem Modeschmuck

Was Haarfarbe mit Metall macht – und warum das kein Zufall ist

Haarfarben enthalten Wasserstoffperoxid, oft in Konzentrationen zwischen drei und neun Prozent. Diese Verbindung ist ein starkes Oxidationsmittel: Sie reagiert mit dem Melanin im Haar, um es aufzuhellen oder für die neue Pigmentierung vorzubereiten. Aber Peroxid macht keinen Unterschied zwischen Haarstruktur und Metalllegierung.

Silber oxidiert unter Peroxideinwirkung besonders schnell – es bildet Silberoxid, das schwärzlich oder grau wirkt. Vergoldete Oberflächen verlieren ihren Glanz, weil das Peroxid die dünne Goldschicht angreift und das darunter liegende Metall freilegt. Noch problematischer: Schmuck aus unedlen Legierungen, wie viele günstige Ohrstecker aus Zinklegierungen oder Messing, können durch den pH-Wert alkalischer Farben korrodieren. Das Ergebnis ist sichtbarer Schaden, der sich nicht rückgängig machen lässt.

Dazu kommt der chemische Cocktail der Ammoniak-Verbindungen, die in vielen Dauerwellmitteln und Oxidationsfarben stecken. Ammoniak erhöht den pH-Wert des Gemischs auf bis zu zehn oder elf. Bei diesem Alkalitätsniveau lösen sich Metallbeschichtungen buchstäblich ab.

Das Problem, das niemand ausspricht: Haut und Wunden

Der Metallschaden ist noch das Wenigste. Was die meisten nicht bedenken: Ohrlöcher sind mikrofeine Kanäle durch Körpergewebe. Selbst jahrelang getragene Piercings bleiben empfindliche Stellen, an denen Haut und Schleimhaut in direktem Kontakt mit dem Ohrring stehen.

Wenn Haarfarbe an den Ohrring gelangt, kriecht sie durch Kapillarwirkung entlang des Metalls direkt in Richtung Ohrloch. Die Verbindung aus Peroxid, Ammoniak und Farbstoffen kann dort Reizungen auslösen, die von leichtem Juckreiz bis zu Entzündungen reichen. Wer zu Kontaktallergien neigt (vor allem bei PPD, dem Para-Phenylendiamin in vielen Dunkelfarben), riskiert eine lokale allergische Reaktion genau dort, wo das Gewebe ohnehin dünn und durchlässig ist.

Ich hatte nie eine dramatische Reaktion. Aber rückblickend erklären sich damit die gelegentlichen Rötungen, die ich schlicht dem neuen Shampoo oder dem Herbstwetter zugeschrieben hatte.

Welche Metalle sind widerstandsfähiger – und welche capitulieren sofort

Nicht alle Ohrringe sind gleich gefährdet. Chirurgenstahl (meist 316L), Titan und massives Gold ab 18 Karat überstehen den Kontakt mit Haarfarbe ohne bleibende Schäden. Diese Metalle sind chemisch träge, reagieren kaum mit Oxidationsmitteln und bilden keine porösen Oberflächen, in die sich Farbstoffe festsetzen könnten.

Anders verhält es sich bei versilbertem Schmuck, vergoldeten Stücken mit dünner Schicht oder Modeschmuck aus gemischten Legierungen. Selbst ein einziger Färbedurchgang kann dort sichtbare Spuren hinterlassen. Der Ohrring mag sich teuer angefühlt haben – chemisch gesehen war er nie für solche Bedingungen gedacht.

Eine wenig bekannte Schwachstelle: Schmuck mit Steinen. Viele Klebstoffe, die Perlen oder Halbedelsteine in Fassungen halten, lösen sich unter alkalischen Bedingungen auf. Wer schon mal erlebt hat, wie ein Stein aus seinem Ohrring fiel, ohne erkennbaren Grund – genau das könnte die Erklärung sein.

Was sich in der Praxis bewährt

Das Offensichtliche: Ohrringe vor dem Färben abnehmen. Klingt simpel, wird aber erstaunlich oft übersprungen, weil man es vergisst oder weil der Schmuck seit Monaten getragen wird und sich wie ein Teil des eigenen Körpers anfühlt.

Für alle, die Tunnels oder Piercings tragen, die sich nicht einfach in Sekunden entfernen lassen, empfiehlt sich ein anderer Weg: Kleine Folienstücke oder spezieller Piercing-Schutz (in gut sortierten Piercingläden erhältlich) können das Ohrloch abdichten, bevor die Farbe aufgetragen wird. Etwas aufwendig, aber wirkungsvoll.

Wer seinen Schmuck trotzdem vergessen hat und Farbkontakt bemerkt, sollte sofort und gründlich mit klarem, lauwarmem Wasser abspülen. Danach hilft ein neutrales Schmuckreinigungstuch. Keine Aggressivität, kein Scheuern. Das schlimmste, was man tun kann, ist mit scharfen Reinigern nachzuputzen und die Oxidation damit zu beschleunigen.

Für die Zeit nach dem Färben lohnt es sich, Ohrringe erst wieder anzustecken, wenn das Haar vollständig ausgespült und getrocknet ist. Rückstände von Farbpigmenten setzen sich auch in der Spülphase noch auf Metalloberflächen ab.

Ein letzter Gedanke, den ich lange nicht ernst genug genommen hatte: Wer regelmäßig zu Hause färbt, sollte seinen Schmuck alle paar Wochen genauer betrachten. Mattigkeit, Verfärbungen an den Übergängen, abblätternde Oberflächen sind frühe Zeichen. Wer sie früh erkennt, kann den Schmuck noch professionell auffrischen lassen. Wer zu lange wartet, kauft neu.

Ob das alles eine Übertreibung ist? Kurz hatte ich selbst diesen Gedanken. Aber dann sah ich das Foto eines silbernen Ohrsteckers nach dreißig Minuten in einer Schale mit handelsüblicher Blondierungscreme. Das Metall hatte seine Farbe so vollständig verändert, dass man es kaum wiedererkannte. Was passiert also, wenn man diese Chemie direkt neben empfindlichem Körpergewebe trägt, Woche für Woche, Jahr für Jahr?

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