Das Jackett hängt sauber gebügelt im Kleidersack. Die Jeans wurde nur dreimal getragen. Das Kleid von letztem Sommer, kaum benutzt, fast noch neu. Mit einem guten Gefühl im Bauch wirft man das alles in den Container um die Ecke, und stellt sich vor, wie irgendjemand anderes sich darüber freut. Dieses Bild ist leider nicht ganz falsch. Aber auch nicht ganz richtig. Was wirklich mit gespendeter Kleidung passiert, ist komplizierter, überraschender und an manchen Stellen schlicht ernüchternd.
Das Wichtigste
- Ein Greenpeace-Experiment folgte gespendeten Kleidungsstücken mit GPS-Trackern — mit schockierenden Ergebnissen
- Zwischen 30-40% der nach Afrika exportierten Textilien können nicht verwendet werden und landen auf Müllhalden
- Manche Unternehmen nutzen Kleiderspenden als Greenwashing-Alibi — doch es gibt seriöse Alternativen
Erst der Container, dann die große Sortiermaschine
Durchschnittlich 87 Kleidungsstücke besaß jeder Erwachsene in Deutschland im Jahr 2022, Unterwäsche und Socken nicht eingerechnet, so eine Greenpeace-Studie. Dazu kaufen wir im Schnitt 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr. Das Ergebnis liegt auf der Hand: Jährlich werden in Deutschland gut eine Million Tonnen Textilien aussortiert, und in den letzten dreißig Jahren ist diese Menge um rund 20 Prozent gewachsen.
Was passiert nach dem Einwurf? Die Kleiderbeutel aus Altkleidercontainern gehen in der Regel unsortiert an gewerbliche Textilverwerter. Auch Überschüsse aus Sozialkaufhäusern landen bei Verwertungsfirmen. Da es sich um ein Gemisch unterschiedlicher Qualitäten handelt, müssen die Beutel einzeln sortiert werden, reine Handarbeit, die viel Sorgfalt und Erfahrung erfordert, um die Altkleider in bis zu 200 verschiedene Artikel und Qualitäten zu unterscheiden.
Und dann die Zahlen, die man nicht unbedingt erwartet: Beim sogenannten „Verwertermodell“ wird der Inhalt der Sammelcontainer komplett an ein Verwertungsunternehmen verkauft, das die Textilien dann selbst sortiert: Rund 10 % sind Abfall, rund 35 % werden zu Dämmstoffen oder Putzlappen verarbeitet, rund 55 % sind als Kleidung noch tragbar und gehen als Secondhandware in den Export. Das ist die nüchterne Wahrheit hinter dem romantischen Bild der Kleiderspende.
Die Reise, von der man nichts ahnt
Greenpeace hat mit GPS-Trackern nachverfolgt, wohin die gespendete Kleidung reist, mit ernüchternden Ergebnissen: Nur ein minimaler Bruchteil landet tatsächlich in Secondhand-Stores oder bei bedürftigen Menschen. Im Sommer 2024 verfolgte Greenpeace 20 gespendete Kleidungsstücke mit GPS-Trackern — Kleidung, die zuvor bei Modeketten wie H&M und Mango abgegeben oder in Sammelcontainer geworfen wurde.
Die Kleidung, die wir aussortieren, übersteigt den Bedarf an Secondhand-Kleidung in Deutschland bei weitem. Deshalb landet ein Teil unserer Kleidung in Osteuropa, hauptsächlich aber in Afrika. Recherchen von Greenpeace in Kenia und Tansania deckten auf, dass zwischen 30 und 40 Prozent der dorthin exportierten Textilien nicht verwendet werden können, weil sie entweder für das Klima ungeeignet, kaputt oder verschmutzt sind. Die Folge: Die Altkleider landen auf riesigen Müllhalden, in der Umwelt oder werden verbrannt.
Hier lohnt es sich, kurz innezuhalten. Denn der Export von Altkleidern ist nicht per se schlecht, das ist die Gegenmeinung, die man kennen sollte. Studien des Fachverbands FairWertung in Kamerun und Tansania haben ergeben, dass die Altkleidermärkte gerade von Geringverdienern gut angenommen werden. Im Gegensatz zur lokal produzierten Kleidung, die oft eher Kunsthandwerk als Gebrauchsware ist, sind importierte Altkleider auch für arme Menschen erschwinglich. Zudem sind in diesen Ländern neue Arbeitsplätze entstanden, da eine große Anzahl von Menschen vom Handel oder dem Umarbeiten der Secondhand-Kleidung lebt. Das Bild ist also vielschichtig — und wer schwarz-weiß denkt, liegt falsch.
Wenn die Spende zur Geldmaschine wird
Noch ein Detail, das viele nicht kennen: In Deutschland beklagen der Dachverband FairWertung und die Verbraucherzentralen gewisse Straßensammlungen, die einen rein gewerblichen Zweck haben, dabei aber einen wohltätigen Zweck vortäuschen. Zur Täuschung der Kleiderspender nutzten Kleinunternehmer auf ihren Sammelzetteln karitativ anmutende Symbole und Vereinsnamen.
Den Unternehmen geht es dabei in erster Linie ums Image: Sie wollen mit ihren Recycling-Aktionen nur den Anschein erwecken, als würden sie etwas gegen die Textilmüllberge tun. Das ist gut fürs Geschäft, wir kaufen weiter in ihren Läden ein, weil wir sie als nachhaltig empfinden. Das nennt man Greenwashing. Franchement, das ist der unangenehme Teil der Geschichte: die eigene Spende als Alibifunktion für die Modeindustrie.
Trotzdem gibt es einen echten positiven Weg, wenn man ihn bewusst wählt. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Altkleider werden für den Unterhalt der Läden, die Beschäftigung von Mitarbeitenden oder andere soziale Projekte eingesetzt. Mit jedem Kleidungsstück, das an einen gemeinnützigen FairWertung-Sammler geht, unterstützt man soziale Arbeit und hilft, Geld für Programme und Projekte zu erwirtschaften.
Spenden, aber richtig, so geht es wirklich
Das Neue Gesetz schafft zumindest etwas Struktur: Seit dem 1. Januar 2025 gilt in Deutschland die Verpflichtung zur getrennten Sammlung von Textilabfällen gemäß dem Kreislaufwirtschaftsgesetz. Diese neue Pflicht richtet sich an die Kommunen beziehungsweise die öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger. Ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn er für viele Verbraucherinnen im Alltag wenig ändert.
Wer sichergehen will, dass die eigene Spende ankommt, sollte auf ein paar Dinge achten. Seriöse Sammelstellen erkennt man an klaren Merkmalen:
- Das BVSE-Qualitätssiegel Alttextilsammlung, das DZI-Spendensiegel oder das Siegel FairWertung bürgen für einen seriösen Umgang.
- Altkleider sollte man nur in Container werfen, auf denen eine deutsche Adresse und eine Festnetznummer angegeben sind.
- Soziale Einrichtungen wie die Arbeiterwohlfahrt, die Johanniter, die Malteser, die Bahnhofsmission, Frauenhäuser, Sozialkaufhäuser und die regionale Geflüchtetenhilfe freuen sich über Kleiderspenden und geben diese an Bedürftige weiter.
Und noch ein Tipp, den man wirklich beherzigen sollte: Eine Spende ist nur dann sinnvoll, wenn man das Gespendete auch einem Freund oder einer Freundin weitergeben würde. Der Haken: Auch die ein oder andere Kleiderkammer quillt bereits über. Fragen Sie vorher nach, ob und welche Kleidung tatsächlich benötigt wird, bevor Sie vorbeifahren.
Die Kleiderspende bleibt sinnvoll, wenn sie als letzte Stufe gedacht wird, nicht als Alibi. Vielleicht beginnt die ehrlichste Form des Recyclings schon beim Nicht-Kaufen. Und vielleicht lautet die eigentliche Frage, die uns dieser ganze Kreislauf stellt: Was, wenn wir weniger kaufen würden, statt mehr zu spenden?